Von Werner Höfer

Dies ist ein Idealist, wie er in keinem Buche steht, ein braver Mann, der zuerst an die Sache und zuletzt an sich selber denkt; seine Sache ist sein Verein: der Fußballclub Rot-Weiß Essen. Das ist einer der beiden westdeutschen Vereine, die aus der Regionalliga in die Bundesliga aufgestiegen sind. Der Mann, der diesen Aufstieg mit erarbeitet und mit erlitten hat, ist der Erste Vorsitzende Ernst Ruhkamp. Das ist alles andere als einer jener smarten Managertypen, die, ausgekocht wie Börsenmakler und eiskalt wie Industriekapitäne, heutzutage an der Spitze erfolgreicher Fußball-Lizenz-Betriebe stehen. Ernst Ruhkamp ist bescheiden und leise, grauhaarig und unauffällig. Von Beruf und Neigung ist er nicht Menschenhändler, sondern Menschenbildner: Lehrer, Volksschullehrer, Rektor. Wie ein Heimatpoet, der unversehens mit der Verantwortung für eine Massenillustrierte bedacht wird, fragt er sich selbstkritisch, ob der Schulmeister wohl für die Leitung eines Halbprofiklubs tauge...

Wenn Ernst Ruhkamp von seinen Rechten und Pflichten, von seinen Wonnen und Sorgen spricht, ergibt sich deutlich, daß in dem Dreiecksverhältnis Vorstand–Spieler–Anhänger nur die Spieler auf der einnehmenden Seite anzutreffen sind. Die Anhänger müssen sich ihre Freuden und Leiden ohnehin einiges kosten lassen, und für den Vorstand heißt es, in Umkehr des geläufigen Wortes „außer Spesen nichts gewesen“, daß alle Verrichtungen und Verpflichtungen aus der eigenen Tasche beglichen werden. Ein Vereinsvorsitzender wie dieser Ehrenmann aus dem Ruhrrevier gehört zur langsam, aber unaufhaltsam aussterbenden Gilde der reinen Amateure, für die noch die Parole gilt: Sportler sein heißt, eine Sache um ihrer selbst willen lieben.

Ernst Ruhkamp, den noch vier Jahre von der Pensionsgrenze trennen, ist um einiges älter als sein Verein. Sein Elternhaus stand am Rande des Klubstadions. Wo heute die Tribüne steht, ging er zur Schule. Das Schulhaus, in dem er heute unterrichtet, steht aber in Oberhausen: so nah liegt im Ruhrgebiet alles beieinander.

Natürlich ist ein Mann wie Ernst Ruhkamp stolz und glücklich, daß sein Verein den Aufstieg in die höchsten Regionen des deutschen Fußballs geschafft hat. Aber während die Anhänger sich auf spektakuläre Begegnungen freuen und die Spieler einträgliche Verträge aushandeln, verfolgen den Vorsitzenden bis in den Schlaf hinein Zahlen und nichts als Zahlen. Der Lehrer Ernst Ruhkamp, Vater von zwei Kindern, kann rechnen. Doch für einen Schulmeister und Familienvater sind tausend Mark viel Geld. Als Vorsitzender eines Bundesligavereins muß er sich aber an den Umgang mit Hunderttausenden, mit Millionen gewöhnen, und im Gespräch mit ihm marschieren Zahlenkolonnen über den Tisch wie sonst nur bei der Unterhaltung mit einem Manager der Schwerindustrie.

Bei diesem Zahlendefilee ergibt sich, daß Rot-Weiß Essen in seiner letzten Regionalsaison etwa 640 000 DM eingenommen hat. Die Kurve der Einnahmen stieg um so steiler an, je eindrucksvoller die Erfolge des Vereins wurden, im hohen Winter mehr als im späten Sommer. Bei den drei in Essen ausgetragenen Aufstiegsspielen wurden hingegen allein etwa zwei Drittel der Einnahmen aus der Meisterschaftssaison kassiert. Nicht weniger aufschlußreich ist die Zuschauerbewegung: Zu den Heimspielen kamen in der vergangenen Regionalspielzeit rund 220 000 Zuschauer – um so mehr, je hoher der Verein in der Tabelle stieg. Zu den Aufstiegsspielen fanden sich mehr als 85 000 Zuschauer ein, die freilich – mit höchster DFB-Ermächtigung–höhere Eintrittspreise zahlen mußten als bei den normalen Begegnungen innerhalb der Regionalliga.

Die Anhänger: Sie bilden die stille und sichere. Kapitalreserve des Vereins. Rot-Weiß Essen kann mit einer sensationellen, vermutlich von keinem anderen deutschen Verein übertroffenen Bilanz aufwarten: Bei jedem Auswärtsspiel, die Begegnung im benachbarten Düsseldorf ausgenommen, stellten die Essener „Schlachtenbummler“ die kompakte Majorität auf dem Platz des Gegners. Nicht weniger außergewöhnlich ist die aktive Koexistenz mit Fortuna Düsseldorf, dem Mitaufsteigen Zwischen beiden Vereinen vollzieht sich der Austausch des Zuschauerstamms so beständig und zuverlässig wie die Bewegung vom Wasser in kommunizierenden Röhren. Aber die Anhänger zahlen und reisen, schreien und trinken nicht nur; sie packen auch an. Vereinsanhänger waren es, die ohne Entgelt mithalfen, die Platzanlage zu verbessern und zu erweitern. Eine benachbarte Zeche schickt in Notfällen Arbeitskräfte, um das Stadion in Ordnung zu bringen. Das freilich sind die einzigen Mäzenatenleistungen, von denen der Verein profitieren kann.