Merkstein/Nordrhein-Westfalen

Die Kapelle spielte flotte Weisen. 1500 Frauen strömten in die Turnhalle von Merkstein, einem kleinen Städtchen unweit der holländischen Grenze. Aus dem Aachener Gebiet, aus den Niederlanden, aus Belgien und Luxemburg waren sie mit Omnibussen herangebracht worden. Jetzt warteten sie auf Heinz Kühn. Der versuchte unterdessen, auf den 150 Kilometern zwischen Recklinghausen und Aachen den Kampf mit dem Terminkalender zu gewinnen. Vor ein paar Stunden noch hatte Kühn zusammen mit Willy Brandt im Ruhrfestspielhaus mit Künstlern, Wissenschaftlern und Journalisten diskutiert. Als nächstes stand der Internationale Frauentag auf dem Programm.

Von den meisten unerkannt betritt Heinz Kühn die Halle. Die Bezirksvorsitzende begrüßt ihn: "Unser Heinz Kühn, der Landesvorsitzende der Sozialdemokratischen Partei in Nordrhein-Westfalen und Kandidat für das Amt des Ministerpräsidenten!" Der Jubel ist groß. Kühn beginnt seine Rede deshalb mit einer artigen Verbeugung vor den Frauen: "Liebe Freundinnen hätte ich beinahe begonnen, aber dazu sind Sie ja zu viele!" Das kommt an. Doch dann wechselt er schon wieder in die Rolle des Chefredakteurs a. D. über. Er spricht von der Kohle, von der Deutschlandpolitik, von Schulfragen. Seine Sätze sind geschliffen formuliert. Aber erreicht er damit seine Zuhörerinnen: "In der Geschichte entscheiden die Tatsachen mehr als die Motive!" Der Beifall kommt nur noch zögernd. Ein paar Lacher erntet er mit gut geführten Floretthieben auf politische Gegner. Doch Kühn ist fair. Er verschweigt auch nicht das Detail, das dem Gegner nützt: "Der Kultusminister Mikat, der bekommt nach dem neuen Lehrmittelgesetz für seine drei Kinder die Schulbücher umsonst; sein Fahrer, der nur zwei Kinder hat, der muß sie bezahlen!" Aber noch in den Beifall hinein kommt der Zusatz: "Aber Herr Mikat hat für seine Kinder verzichtet!"

In einer Pause verschwindet Kühn so unauffällig wie er gekommen war. Draußen holt er tief Luft, als müsse er sich für den letzten Teil seines Auftritts stärken. Frauen stehen in Gruppen zusammen, sie nehmen keine Notiz von ihm. Kühn geht zu seinem Wagen. Kein Händeschütteln, kein Winken. Der graue Mercedes fährt los.

Nächste Station ist die knapp tausend Einvohner zählende Gemeinde Lamersdorf. Kühn geht vor der Versammlung noch schnell in die Wirtsstube, bestellt sich ein Wasser und einen Johannisbeersaft. "Das trinke ich immer auf meinen Wahlreisen, nur keinen Alkohol." Er erläutert seinen Redestil: "Mir liegt das Argumentieren. Natürlich kann ich auch ‚Hämmern‘ und Anheizen’. Auf großen Plätzen kommt man ja ohnehin nicht darum herum. Aber lieber nicht."

"Was macht Ihnen Spaß am Wahlkampf?" – "Zunächst einmal: Der Wahlkampf ist für mich eine Bürde, er ist kein Spaß. Aber Spaß macht es mir, wenn es Kampf gibt, Widerstand, Diskussionen. Und Spaß habe ich an guten Formulierungen, an Bildern, die mir – während ich rede – einfallen." Kühn will nicht begeistern, er will überzeugen. So kann es seinen Zuhörern passieren, daß sie unvermittelt eine staatsbürgerliche Lektion über die Rolle von Regierung und Opposition anhören müssen. Heinz Kühn weiß genau, daß sein Platz nicht auf dem Markt, sondern im Parlament ist. Er ist kein Wahlkämpfer. "Blumen und der ganze Zauber" sind ihm im Grunde zuwider. Seine Parteifreunde sind darüber zwar betrübt, aber sie können es nicht ändern. Sie respektieren ihren Spitzenkandidaten so wie er ist. Dieser Respekt geht manchmal sogar so weit, daß Genossen aus den Ortsgruppen ihren Parteivorsitzenden mit "Herr Kühn" anreden.

Der Fernsehapparat in der Gaststube wird angestellt. Heinz Kühn will wissen, wie die Verhandlungen der Tarifpartner in der Düsseldorfer Staatskanzlei ausgegangen sind. Kein Streik im Bergbau. "Das gibt für Meyers einige Pluspunkte", bekennt er ohne Umschweife. Er gibt auch unumwunden zu, daß Franz Meyers die größere Popularität besitzt. "Natürlich ist der Regierende immer im Vorteil, er fährt herum und legt Grundsteine; der Oppositionsführer spielt in unserer Demokratie längst noch nicht die Rolle, die ihm eigentlich zukommt." Immerhin kennen ihn, nach einer neueren Umfrage, 42 Prozent der Nordrhein-Westfalen. In der Popularitätsliste liegt er an vierter Stelle nach Meyers, Weyer und Mikat. Daß zur Popularität auch einige Zugeständnisse an den Geschmack der Massen, notwendig sind, weiß Heinz Kühn. Aber er mag das nicht: "Ich bin nicht das Starmannequin meiner Partei." – "Könnten Sie nicht wenigstens auf Ihren Wahlplakaten etwas freundlicher dreinschauen?" – "Vielleicht ist das Plakat zu ernst. Aber wenn ich nicht so zu verkaufen bin, wie ich nun mal bin, dann eben nicht. Kein Image-Manager kann mich auf eine bestimmte Linie trimmen!" Ein "Landesvater", wie sein Gegenspieler Meyers, wird Kühn nie sein.