• Wilhelm Kobell (München, Haus der Kunst): Der liebenswürdige Tip für München heißt gegenwärtig (25. Juni bis 21. August 1966) Kobell. Nach gründlicher Vorbereitung kam hier eine Ausstellung zustande, die gleichermaßen das Entzücken des Liebhabers wie die Anerkennung des Historikers und Spezialisten rechtfertigt. Konzeption, wissenschaftliche Bearbeitung, Dokumentation und Katalog sind das Werk von Dr. Siegfried Wichmann, dem renommierten Fachmann der Bayerischen Staatsgemäldesamlung für das 19. Jahrhundert.

Den äußeren Anlaß zu dieser Ausstellung gab der 200. Geburtstag Wilhelm von Kobells (geboren am 6. April 1766 in Mannheim, gestorben am 15. Juli 1853 in München), der als Kleinmeister der deutschen Frühromantik hoch geschätzt und von Sammlern heiß begehrt, nunmehr mit seinem Gesamtwerk in das helle Licht der historischen Beurteilung tritt.

Eine überschlägige Einteilung des Oeuvres ergibt folgende Hauptperioden: eine Frühzeit etwa 1786 bis 1796, markiert durch die Berufung Kobells als Hofmaler an die Münchner Residenz (1793). Liebenswürdige Figurenbilder, häufig nach Familienangehörigen gezeichnet, stehen im Vordergrund.

Anschließend dann eine Periode, die durch ein zunehmendes Interesse am Landleben, an anmutigen Szenen in weiter, räumlich groß gesehener Landschaft ausgezeichnet ist. Hierbei erweist sich Kobell, neben seinem väterlichen Freund und Mentor Johann Georg von Dillis, als ein entschiedener Verfechter des "vorgenommenen" plein air der ersten Jahrhunderthälfte und des frühen Realismus, der auch für seine norddeutschen Weggefährten wie Carus, Blechen und Friedrich so bezeichnend ist. –

Ab 1805 kommt für Kobell die Zeit der großen Aufträge: Er muß Szenen aus den napoleonischen Feldzügen malen. Zuerst "Sieben Siege" Napoleons für den Marschall Berthier, dann einen Zyklus von Schlachtenbildern für den Kronprinzen Ludwig (1808 bis 1815). Von den zwölf Gemälden dieser Reihe zeigt die Ausstellung sechs: Kosel, Eggmühl, Brieg, Hanau und Bar-sur-Aube.

In der abschließenden Spätzeit wendet sich Kobell, der kriegerischen Motive höchst überdrüssig, mit doppelter Liebe einer idyllischen Kleinmalerei zu. Es entstehen die bezaubernden Gebirgslandschaften mit bäuerlicher Staffage. Eigentümlich ist die gläserne Helle und seltsame, fast puppig und putzig wirkende Starre der Figuren, die gleichsam ins Emaille der Landschaft eingeschmolzen sind, fast stets in einer Begrüßung oder Begegnung innehaltend, weshalb der von Wichmann geprägte Ausdruck "Begegnungsbilder" sehr treffend erscheint.

Überraschungen, Entdeckungen? – Ja. Zunächst die leicht und sicher hingesetzten Tuschzeichnungen der Frühzeit, die einfach bezaubernd in ihrer unbefangenen Frische und unbekümmerten Anschauung sind. Und dann – merkwürdig: eben doch die großen Schlachten. Und zwar aus verschiedenen Gründen, Zunächst ist erstaunlich, wie Wilhelm von Kobell ohne jedes Vorbild, frei aus sich heraus, einen neuen Typus des vielfigurigen Historienbildes schafft, das sich vom barocken, theatralisch aufgeputzten "Aktionsbild" durch eine fast eisig wirkende Ruhe der Beobachtung absetzt; wie er Landschaft, Gelände und Kriegsgeschehen in eines bindet, souverän disponiert und, ein transparentes, gleichsam graphisches Diagramm des Geschehens vermittelt. Sodann besticht, bei einem Blick aus nächster Nähe, ein geradezu stupendes Können in der realistischen Behandlung des Details, das ohne Zweifel, besonders bei den virtuos hingesetzten Figuren in dämmernder Morgenfrühe, bereits an einen Großen denken läßt: an Adolph von Menzel.