Von Jörg Andrees Elten

General de Gaulles Leibarzt mag froh sein, daß der Staatsbesuch in der Sowjetunion vorüber ist. Gegen Ende der Reise sah man dem General an, wie sehr ihn die Strapazen der Reise mitgenommen hatten. Als er die Stufen zu dem bombastischen Ehrenmal auf dem Mamai-Hügel in Stalingrad hinaufschritt, schwankte er mit unsicheren Schritten hin und her, und einige bange Minuten mußte man fürchten, daß der Fünfundsiebzigjährige sich nicht auf den Beinen werde halten können.

Die Sowjets hatten eine Batterie von Mikrophonen aufgebaut. In Wolgograd, dem früheren Stalingrad, erwarteten sie die große Rede des französischen Staatspräsidenten. Hier war der Ort, beziehungsreich an die Schrecken des Krieges zu erinnern und die deutsche Gefahr zu beschwören. Die Rede fiel aus.

Vor einer Geländekarte ließ sich de Gaulle jene Schlacht erklären, die für ihn der Geschichte angehört, so als habe sie vor 200 Jahren stattgefunden. Unter den Steinplatten, auf denen wir standen, sind 147 000 deutsche und 46 000 russische Soldaten beerdigt. Der General erwähnte sie mit keinem Wort. Lächelnd wandte er sich an den neben ihm stehenden sowjetischen Hauptmarschall Woronow, der in Stalingrad die Artillerie kommandiert hatte, und sagte: „Einem hervorragenden Artilleristen möchte ich sagen: Es war eine große Schlacht.“ Dann bestieg er das taubenblaue Tschaika-Kabriolett und fuhr davon.

Während seiner ganzen Reise erwähnte der General die Vergangenheit kaum. Er war in die Sowjetunion gekommen, um von der Zukunft zu sprechen – eindringlich, beschwörend, so als spüre er, wie die kostbare Zeit verrinnt, die ihm noch bleibt, um seinen Visionen Gestalt zu geben.

Hundertfünfzig Journalisten haben de Gaulle auf seiner Reise begleitet. Die acht westdeutschen Korrespondenten gehörten zur Gruppe der sogenannten „Dritt-Nationen“. Deutsche aus Ost und West, Tschechen, Israelis, Polen – wir alle bildeten eine Familie, die von den beiden Dolmetscherinnen Nelly und Maria liebevoll, aber streng zusammengehalten wurde.

Nie werde ich vergessen, wie Nelly, eine temperamentvolle russische Jüdin, am Ende in Tränen der Wut und Verzweiflung ausbrach, weil man uns Deutsche nicht zum Abschiedsempfang in den Kreml eingeladen hatte. Auch Maria, die überzeugte Kommunistin, litt darunter weit mehr als wir selbst. Vier Flugstunden lang habe ich ihr das Problem der deutschen Teilung an Hand von menschlichen Einzelschicksalen erläutert, und wenn ich nicht irre, ist es mir gelungen, ihr Weltbild ein wenig anzukratzen.