Fußball-Weltmeisterschaft

Von Adolf Metzner

Drei Wochen lang, vom 11. bis 30. Juli, werden 400 Millionen Menschen immer wieder gebannt auf die Fernsehschirme starren, um sich vom Tanz eines Balles verzaubern zu lassen. Im deutschen Fernsehen wird auf den beiden Kanälen insgesamt 34 Stunden und 45 Minuten von der Fußball-Weltmeisterschaft aus England übertragen.

Außer den Olympischen Spielen, die aber noch von der Aura des „alle Menschen werden Brüder“ überstrahlt werden, gibt es keine Veranstaltung in der Welt, die eine solch ungeheure Faszination ausübt.

Man macht es sich zu leicht, wenn man sie wie viele deutsche Intellektuelle mit einer Handbewegung, einfach als Massenhysterie abtut, obwohl der Fußballbegeisterung, besonders wenn das besagte Auge der Nation auf dem Lederball ruht, auch massenhysterische Züge beigemischt sind, die aber nie jenen Grad der Ekstase, jenes völlige Außersichsein wie bei einem Beatles-„Konzert“ erreicht. Die Fußballarena wird nie zum Tollhaus. Auch wer solche Fußballturniere einfach als Fortsetzung des Kalten Krieges mit anderen Mitteln apostrophiert, sieht nur eine Seite des buntschillernden Spektrums, das sich in einem Publikum manifestiert, dessen Spannweite vom Ästheten bis zum Rowdy reicht. Was für den Bürger des 19. Jahrhunderts die Oper war, ist für den Arbeiter des 20. die Fußballarena. Hier erlebt er das große Schauspiel in zwei Akten, voll dramatischer Wucht, die grüne Bühne, auf der seine Idole agieren, mit denen er sich identifizieren kann. Was ihm die sterile Welt der Automation so oft verwehrt, hier darf er es sein, hier ist er Mensch. Hier kann er noch seinen Triumph hinausschreien, hier darf er noch vor Schmerz aufstöhnen, hier darf er noch vor Freude weinen.

Auf dem imaginären Feldherrnhügel der deutschen „Truppe“ steht diesmal nicht mehr der kleine Korporal mit dem verschmitzten Gesicht, der 1954 mit seinen „Männern“ die höchste Trophäe, den Goldpokal, errang, der nach dem französischen Funktionär Jules Rimet benannt ist.