Von Marcel Reich-Ranicki

Wer erzählen kann, der hat in der Regel auch etwas zu sagen; aber wer etwas zu sagen hat, der kann noch lange nicht erzählen. Daher erweisen sich die Romanversuche der Essayisten und Publizisten, die bedeutendsten nicht ausgeschlossen, meist als traurige Fehlschläge. Hingegen bleiben die essayistischen und publizistischen Äußerungen guter Romanciers selbst dann, wenn sie enttäuschen, immer noch bemerkenswert.

Der Essayist, dessen Phantasiegebilde dürr oder leblos sind, wirkt gleich peinlich und sogar lächerlich. Denn der Mann des diskursiven Denkens, der sich einer epischen Form bedient, macht oft den Eindruck eines erwachsenen Menschen, der in einer läppischen Verkleidung erscheint und mit verstellter Stimme zu sprechen versucht. Man möchte am liebsten wegsehen und ihn bitten, sich wieder vernünftig zu benehmen.

Anders ist die Situation des Epikers, der sich Seitensprünge ins Essayistische erlaubt: Er ließe sich eher mit einem Schauspieler vergleichen, der einmal im Straßenanzug vor sein Publikum tritt. Jedermann weiß, daß talentvolle Schauspieler auch ohne Kostüm zu faszinieren oder wenigstens zu interessieren vermögen. Auf jeden Fall kann der Schriftsteller mit artistischem Temperament, in dessen diskursiver Darlegung die sachliche Beweisführung nicht ganz auf der Höhe der Suada ist, mit wohlwollender und vielleicht respektvoller Nachsicht rechnen.

Wohlwollen und Respekt gebühren Hans Erich Nossack wie nur wenigen deutschen Erzählern seiner Generation. Er verdankt seinen langsam und leise wachsenden Ruhm einer Epik, die sich spröde und nüchtern darbietet und betont unfeierlich ist oder doch sein möchte. Gleichwohl haftet seinen Romanen und Erzählungen etwas Wunderliches und Geheimnisvolles an. Das hat nichts mit seiner Sprache zu tun, einer unpathetischen und kühlen Diktion von makelloser Natürlichkeit und, gelegentlich, kunstvoller Lässigkeit – Nossack ist der deutsche Meister des schreienden Understatements –, wohl aber mit der Art seiner Motive, Bilder und Visionen.

Die Vorliebe für Sage und Legende, die auffallende Schwäche für gewichtige Symbole und archaische Mythen, der beharrliche, doch nicht unbedingt glückliche Hang zum Allegorischen und Utopischen haben gerade das zur Folge gehabt, woran Nossack am allerwenigsten gelegen sein dürfte – daß nämlich seine epische Welt nicht selten abstrus anmutet und daß von ihr, dem bisweilen nahezu forschen Tonfall zum Trotz, doch eine gewisse Feierlichkeit ausgeht, die manche Leser verständlicherweise abstößt.

Davon ist in den jetzt gesammelten Prosastücken –