Es gibt Anzeichen für eine Besserung der Konjunkturlage – aber die Ursachen unserer wirtschaftlichen Krise liegen tiefer

Die Bundesrepublik habe allen Anlaß, so sagte unlängst ein amerikanischer Bankier nach einer längeren Informationsreise durch unser Land, sich Sorgen über ihre künftige wirtschaftliche Entwicklung zu machen. „In Deutschland gibt es zuwenig Millionäre, zuwenig Arbeitslose und zuwenig Konkurse.“ Eine nicht minder pessimistische Prognose hat dieser Tage Dr. Ernst Schneider gegeben. Der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelstages hat „harte Jahre“ für unsere Wirtschaft angekündigt. Schneider: „Wir werden nicht mehr um eine möglichst moderierte Rezession herumkommen, wenn wir zur Stabilität zurückfinden wollen.“

Solche Warnungen können gar nicht laut genug ausgesprochen werden. Besteht doch schon wieder die Gefahr, daß die Regierung und auch viele Unternehmer nach einigen Monaten der Beunruhigung erneut in den rosigen Dämmerschlaf des Optimismus verfallen. Die Haushaltsmisere, der Zusammenbruch des Kapitalmarktes, der Devisenschwund und schließlich die Krise an der Ruhr – das waren Alarmzeichen, die auch die Müden im Lande aufgeschreckt hatten. Aber heute kann man bereits wieder hören, daß schließlich „alles nicht so schlimm kommen werde“.

Oberflächlich betrachtet haben diese Leute sogar recht. Die wieder steigenden Steuereinnahmen können zwar die Haushaltsmisere bei Bund, Ländern und Gemeinden nicht lösen – aber sie helfen Rolf Dahlgrün und seinen Kollegen, die Fehler von gestern und heute zu überdecken. Die langsam steigenden Exportüberschüsse lassen das Defizit in der Zahlungsbilanz nicht mehr so kraß erscheinen, die Ruhrkrise wurde nicht gelöst, aber wieder einmal vertagt, an den Börsen wird auch die kleinste Kursbesserung als „Silberstreif“ registriert. Und endlich gibt es sogar einige Konjunkturforscher, die für den Herbst den Beginn eines neuen Aufschwungs voraussagen.

Selbst wenn diese Hoffnung in Erfüllung geht, bleiben langfristige Probleme der deutschen Wirtschaft ungelöst: „Zu wenig Millionäre, zu wenig Arbeitslose, zu wenig Konkurse.“ Nicht so überspitzt ausgedrückt; Unsere Wirtschaftspolitik muß darauf ausgerichtet sein, daß in der Bundesrepublik mehr Kapital gebildet wird (für private und öffentliche Investitionen), daß die Spannungen am Arbeitsmarkt endlich beseitigt und kranke Bereiche der Wirtschaft nicht immer weiter geschont werden. Weil wir mit der Steuerung dieses Strukturwandels so lange gezögert, ihn blockiert, statt gefördert haben, wird er sich nun mit Gewalt Bahn brechen. Schneider: „Es wird eine erbarmungslose Auslese geben.“

Wir sollten uns also vor Illusionen hüten: Die schleichende Krise der Wirtschaft kann nicht allein dadurch überwunden werden, daß sich die Konjunkturaussichten bessern, die Steuerquellen reicher sprudeln und die Kurse vielleicht wieder steigen. Die große Aufgabe bleibt: Unsere noch weitgehend an den Vorstellungen der fünfziger Jahre orientierte Wirtschaft auf die Anforderungen der siebziger und achtziger Jahre umzubauen. Dieser Prozeß wird für viele Betroffene schmerzhaft sein – aber es bleibt kein anderer Weg, wenn wir die Dynamik und die Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft erhalten wollen.

Diether Stolze