Wer am letzten Wochenende Aktien gekauft hat, mußte seinen Entschluß zu Beginn dieser Woche schon wieder bereuen. Die kräftige Erholung der Aktienkurse, die am ersten Tag nach dem Halbjahresultimo die Börse überraschte, war nur ein Strohfeuer, das rasch wieder erloschen ist. Als die Kurse der international bekannten Spitzenpapiere des Chemie-, Elektro- und Automarktes innerhalb von zwei Börsenstunden zehn bis zwanzig Punkte kletterten, vermochte schon niemand so recht zu glauben, daß dieser plötzliche Umschwung der Anfang einer durchgreifenden Wende am Aktienmarkt sei. Die Zweifel der Skeptiker waren berechtigt. Denn schon während der nächsten Börsensitzung war von der freundlicheren Stimmung nichts mehr zu spüren. Ein großer Teil der Kursgewinne war bereits wieder verlorengegangen.

Wie unsicher die Grundlage für eine freundlichere Tendenz war, ließ sich an den Börsenumsätzen erkennen. Sie waren nicht einmal so hoch wie in den Tagen zuvor. Dabei hat sich die Kulisse recht lebhaft am Markt getummelt und zweifellos den größten Teil der Aktien für eigene Rechnung gekauft. Die Baissespekulation hatte nämlich, vor allem in den letzten Junitagen, in großem Umfang Aktien „gefixt“, also Papiere verkauft in der Hoffnung, sich wenig später zu niedrigeren Kursen wieder eindecken zu können. Damit hatte der Berufshandel entscheidend zu den kräftigen Kursrückgängen beigetragen. Doch war das Spiel, das lange Zeit gutgegangen ist, zu sehr übertrieben worden. Als die „Fixer“ ihre vorverkauften Aktien wieder zurückkaufen wollten, fehlte das Material. So mußten sie erheblich höhere Preise bewilligen.

Die private Kundschaft der Banken war von der schon kurz vor dem Halbjahresultimo sichtbaren Stabilisierung der Aktienkurse nicht beeindruckt. Nur wenige Anleger ließen sich zu dem Schluß verleiten, ein, Stillstand der besonders im Juni ohne Unterbrechung anhaltenden scharfen Abwärtsbewegung der Aktienkurse könnte schon den Beginn einer Tendenzwende andeuten. Eine so starke markttechnische Reaktion auf voraufgegangene Kursverluste, wie sie die Börse um die Monatswende erlebte, hatte früher häufig eine Reihe von Anlegern dazu bewogen, noch rasch auf den fahrenden Börsenzug aufzuspringen aus Furcht, den Anschluß an eine Aufwärtsbewegung zu verpassen. Davon war in diesen Tagen nichts zu spüren. Daran läßt sich erkennen, wie tief das Mißtrauen der traditionellen Aktienkäufer verwurzelt ist.

Erst wenn die Kurse einige Tage hintereinander gestiegen wären, hätte sich manch einer noch zu einem Kaufentschluß durchgerungen. Auch die Kundenberater einiger Banken gaben den Rat, erst einmal abzuwarten, ob die Kurse in dieser Woche noch weiter steigen. Lieber etwas mehr bezahlen, aber in eine sichere Hausse hineinkaufen! Das war die Devise, die man vielerorts hören konnte. Daß dem Aufschwung angesichts des so vorsichtigen Verhaltens der Anleger keine Dauer beschieden sein konnte, lag ziemlich klar auf der Hand. So haben sich nur die Spieler die Finger verbrannt. Weil die Käufer am Montag nicht auf der Bildfläche erschienen, haben sie ihre Engagements, die sie in der Hoffnung auf lebhaftere Publikumskäufe aufgebaut hatten, schon am Montag wieder abgebaut. Damit kam die Börse wieder in ihren gewohnten Tritt.

Wenn auch schon bald niemand mehr über das kurze Intermezzo zu Beginn des zweiten Börsenhalbjahres sprechen wird: Die Börse hat einen Vorgeschmack davon bekommen, wie es an den Aktienmärkten aussehen wird, wenn die Tendenz wirklich einmal dreht. Man darf nämlich nicht vergessen, daß die Kurse schon seit Monaten bei nur verhältnismäßig wenig Angebot immer tiefer in den Keller rutschen. Freilich kommen hier und da auch einmal größere Posten zum Verkauf an die Börse; doch ist die Schwäche zu einem guten Teil darauf zurückzuführen, daß die Kurse bei der nur sehr geringen Kaufbereitschaft der Anleger „heruntergesprochen“ werden. Trotz der wachsenden Unruhe bleiben die meisten Aktiensparer noch mit einer bewundernswerten Anhänglichkeit auf ihren Papieren sitzen; zum Teil einfach deswegen, weil ein Verkauf nur noch mit einem mehr oder weniger großen Verlust möglich wäre.

Ob die langfristig disponierenden Kapitalanleger aus den jüngsten Ereignissen, welche die Empfindlichkeit der Börse nach beiden Seiten gezeigt haben, eine Lehre ziehen, bleibt abzuwarten. Den tiefsten Punkt für den Aktienkauf zu erwischen, erfordert ebensoviel Glück, wie zu Höchstkursen auszusteigen. Wer größere Beträge am Aktienmarkt zu investieren hat, wird nur dann eine Chance haben, wenn er rechtzeitig damit beginnt. Freilich sind die meisten Fachleute immer noch der Ansicht, man könne sich Zeit lassen. Denn bis jetzt läßt sich noch nirgendwo der berühmte Silberstreif am Börsenhimmel erkennen.

Auch auf die intensiven Vorbereitungen Bonns für ein Konjunkturstabilisierungsgesetz hat die Börse bisher noch nicht reagiert. Dabei nimmt die Regierung eine Reihe von Maßnahmen in Angriff, die auch für den Kapitalmarkt von immenser Bedeutung sein werden. Wenn es gelänge, die öffentlichen Haushalte zu einer konjunkturgerechten Finanzpolitik zu bewegen, wäre wenigstens eines der Übel beseitigt, welche die Stabilität der Währung gefährden und die Bundesbank zu ihren Restriktionen zwingen, unter denen die Börse schon seit langem laut und vernehmlich stöhnt.