Düsseldorf, im Juli

Das Pärchen war verdutzt. Man bot ihm Wahlkampfbroschüren an. „Ist hier eine politische Versammlung?“ fragte der junge Mann. Er wartete die Erklärung gar nicht erst ab, wer da um seine Stimme zu werben gedenke, nahm sein Mädchen bei der Hand, verließ den Raum und suchte sich draußen im großen Saal einen Platz – dort, wo brave Düsseldorfer Bürger ihr Abendbrot verzehrten und wo Fußballkenner an der Theke leidenschaftlich über die Chancen von „Fortuna“ in der Bundesliga diskutierten.

Die Politik spielte sich im Nebenzimmer ab, im Vereinslokal der „Gesellschaft von Hindenburg“. Der Schutzpatron des Schützenvereins blitzte silberglänzend in Reliefdarstellungen auf dunklem Samt von der einen Wand, von der anderen blickte aus verstaubtem Goldrahmen eine Dame spanischen Typs mit melancholischen Augen auf die knapp siebzig Personen herab, die sich an diesem Abend der Politik widmen wollten. Sechs davon saßen am Vorstandstisch. An einem anderen Tisch hatten die Angehörigen der Redner Platz gefunden, zwei Tische waren von Parteihonoratioren und Vertretern der Jungen Union besetzt, und eine Ecke hatten die Sozialdemokraten beschlagnahmt. Von den restlichen dreißig Zuhörern zählten, wie der Beifall zeigte, etwa fünfundzwanzig zu den Getreuen der CDU; es blieben fünf, die so wirkten, als seien sie nichts anderes als politisch interessierte Bürger.

Bemerkenswert an dieser Wahlversammlung waren die brillanten Kurzreferate Birrenbachs über Außen- und Wirtschaftspolitik, ferner die Wortgefechte zwischen dem Wahlkreiskandidaten und den Sozialdemokraten. Sie hatten sich offenbar schon bei früheren Veranstaltungen über die gleichen Themen gestritten: darüber nämlich, wer im allgemeinen sparsamer mit dem Geld umgehe, die CDU oder die SPD, und wer im besonderen mehr Geld ausgebe – zum Beispiel für Krankenhäuser, Wohnungen, Straßen und Schulen. Bemerkenswert war ferner ein weißhaariger Herr mit wasserblauen, leicht tränenden Augen und einem roten Gesicht. Da er etwas viel getrunken hatte, wußte er alles besser. Nach anderthalb Stunden wurde er des Raumes verwiesen.

Typisch an dieser Wahlversammlung, die als sehr gut besucht bezeichnet wurde, war vor allem, daß sich hier Leute trafen, die zu überzeugen unnötig war. Auch prominente Redner – und Birrenbach zählt schließlich zu den bekanntesten und einflußreichsten Mitgliedern der CDU-Fraktion – müssen vor einem kleinen Kreis von alten Anhängern auftreten. Die Versammlung der Sozialdemokraten mögen ein wenig besser besucht sein, aber auch dort bleibt man mehr oder weniger unter sich.

Typisch war ferner, daß es im Grunde kein großes Wahlkampfthema gab. Die Themenlisten der Parteien gleichen sich zum Verwechseln. Die Kulturpolitik ist im Prinzip nicht mehr strittig, seit Minister Mikat regiert. Daß die Bergbaukrise beigelegt werden muß, ohne daß es zu sozialen Härten kommt – darüber sind sich alle einig. Kurzum: die landespolitischen Themen erlauben dem Wähler kaum eine rationale Entscheidung.

Im überschaubaren Bereich der Kommunalpolitik kann der Bürger die Versprechen und Leistungen der Politiker einigermaßen abschätzen. Er kennt auch diejenigen, unter denen er die Auswahl hat. In der Bundespolitik kann er sich an grundsätzlichen Tendenzen orientieren. Landtagswahlkämpfe sind ein seltsames Zwitterding. „Die SPD führt feine Art erweiterten Kommunalwahlkampf“, meinte ein Mitglied der sozialdemokratischen Wahlkampfleitung. „Die CDU will eine Bundestagswahl im verkleinerten Maßstab.“ Daran ist mindestens soviel richtig, daß die Sozialdemokraten aus ihrer Stärke in der Kommunalverwaltung – sie stellen in 21 der 27 größten Städte des Landes den Bürgermeister – politisches Kapital zu schlagen versuchen, während die CDU hervorhebt, ihre erfolgreiche Politik in Bonn habe den Wohlstand in Nordrhein-Westfalen überhaupt erst möglich gemacht.