Zum zweiten Male binnen zwölf Jahren hat Marschall Tito einen Kronprinzen in die politische Wüste geschickt. Der erste, den der Bannstrahl traf, war 1954 der Montenegriner Milovan Djilas; er mußte gehen, weil er den orthodoxen Kommunismus kritisiert und dessen Verwalter als schmarotzende „Neue Klasse“ angeprangert hatte. Der zweite ist jetzt der Serbe Aleksandar Rankovic; er wurde entmachtet, weil er sich mit Hilfe des Staatssicherheitsdienstes jenem Reformkommunismus widersetzte, der die „Neue Klasse“ ihrer Privilegien entkleiden und dem jugoslawischen System liberale pluralistische, eben: djilasistische Züge aufprägen will.

Tito hat sich endgültig und unwiderruflich für den Reformkommunismus entschieden – darin liegt die Bedeutung der Beschlüsse von Brioni. Aus einem minderen Grunde wäre Rankovic, der Nationalheros der Partisanenjahre, schwerlich gemaßregelt und degradiert worden. Auch Innenminister Svetislav Stefanovic, der Staatssicherheitschef und Anführer der dogmatischen Fraktion im Bund der Kommunisten, hätte wohl kaum sein Amt verloren. Sie wurden als hinderliche Monumente einer lästig gewordenen Vergangenheit der Zukunft und einem freieren Kommunismus zum Opfer gebracht.

Der „Machtkampf“ – dies Titos eigene Formulierung – ist entschieden. Die Mehrheit des Zentralkomitees stellte sich hinter die Ideen der Reformer. Und nur darum ging es. Andere Versionen mag man getrost beiseiteschieben: daß etwa alles eine reine Personenfrage oder in erster Linie ein Problem der Nationalitäten gewesen sei.

Gewiß gibt es im Vielvölkerstaat Jugoslawien ein Nationalitätenproblem. Zwischen Kroaten, Serben, Slowenen, Mazedoniern, Bosniaken und Montenegrinern treten mancherlei Reibungen auf; und immer wieder rühren sich partikularistische Tendenzen. Doch das heißt noch lange nicht, daß der Staat der Südslawen am Zerbrechen sei. Der Partisanenmythos und die Person Titos sind längst nicht mehr der einzige Kitt; die Aufbauerfolge der letzten zwanzig Jahre sind für den Zusammenhalt mittlerweile ebenso bedeutsam oder sogar bedeutsamer geworden.

Und die Personenfrage? Es ist schon richtig: das Rotationsprinzip, nach dem die Parteifunktionäre und Minister ihre Ämter nicht länger als eine Wahlperiode ausüben sollen, hätte in Kürze ein großes Revirement verursacht. Die Ablösung vieler alter Doktrinäre stand bevor, und die Schar der jungen Technokraten, die Tito um sich gesammelt hat, wäre auf die Kommandobrücken vorgerückt. Aber schließlich galt Rankovic noch immer als Kronprinz; er hätte ruhig zuwarten können, wäre es ihm nur um persönliche Macht gegangen. Wenn er tatsächlich einen Staatsstreich zur Entmachtung Titos vorbereitet haben sollte, so hätten ihn Glaubenssätze mehr denn Ämtergier dazu bestimmt. Nicht Personenfragen, sondern Richtungskämpfe standen im Vordergrund.

Rankovic und Stefanovic war die ganze Reformrichtung zuwider, und sie setzten den Staatssicherheitsapparat offenbar gezielt dagegen ein. Nicht, als habe die Geheimpolizei das Land unter eine Terrorglocke gezwungen. Davon kann keine Rede sein. Die Bespitzelung richtete sich vor allen Dingen gegen jene Parteifunktionäre und Staatsbeamten, die an der Ausarbeitung der Reformen beteiligt waren. In diesem Vorwurf liegt der eigentliche politische Kern der Affäre Rankovic beschlossen.

Schon vor dem Februar-Plenum des Zentralkomitees hatte der Staatspräsident „Kommunisten in führenden Stellungen“ beschuldigt, sie legten nur Lippenbekenntnisse zur Reform ab, arbeiteten aber in Wahrheit gegen sie. Damals hat er sich, so gab er jetzt zu erkennen, noch nicht getraut, hart durchzugreifen. Gleichwohl ließ er die Reform vom ökonomischen aufs politische Gebiet ausdehnen. Der Entstaatlichung der Wirtschaft wollte er die Entparteilichung des Staates folgen lassen. Die Partei sollte nicht mehr direkt herrschen; niemand sollte in Zukunft noch gleichzeitig ein Parteiamt und ein Staatsamt versehen; auch Nichtparteimitglieder sollten hohe Verwaltungsposten besetzen dürfen; in der Sozialistischen Allianz sollten erste Ansätze eines pluralistischen Herrschaftssystems institutionalisiert werden. Dieses radikale Revisionsprogramm rief die Orthodoxen erneut auf den Plan. Ehe Tito sich an die Verwirklichung machen konnte, mußte er den Widerstand brechen. Die einschneidende Strukturreform soll nun anscheinend auf einem außerordentlichen Parteikongreß im Herbst verkündet werden.

Tito hat den Machtkampf gewonnen und zugleich den Richtungskampf. Das jugoslawische Experiment wird nicht rückgängig gemacht. Es bleibt für Ost und West ein aufregendes Modell kommunistischer Evolution. Und wenn auch Milovan Djilas noch immer in Haft ist – die Niederlage Rankovics symbolisiert seinen späten Sieg. Theo Sommer