Müssen deutsche Tapeten blaß oder düster sein? Ärger mit der Wand

Von Sybil Gräfin Schönfeldt

Tapeten sind nützlich (sagen die Architekten); Tapeten sind ästhetisch schön (sagen die Tapetenverkäufer); aber die Verbraucher tapezieren eigentlich bis heute noch recht mechanisch. Als Tapete hat man’s bei uns nicht leicht.

Dabei leben wir – wirtschaftlich betrachtet – in den besten Tapeten-Zeiten. Der Umsatz steigt, ob man ihn nach verkauften Tapetenrollen berechnet oder nach Deutschen Mark: die Qualitätstapete wird verlangt, und sie darf schon was kosten.

Tapetenumsätze werden immer in zwei Jahresetappen gemessen, denn die deutsche Tapeten industrie bringt alle zwei Jahre neue Muster heraus. Pro Kollektion sind das ungefähr 7000 Muster und 12 000 Blatt (das sind die verschiedenen Kolorits der einzelnen Muster). Zum Vergleich: England, Ursprungsland und wichtigster Hersteller schöner Tapeten, bringt jährlich (nur) 4000 neue Muster heraus. Neben den neuen Dessins bleiben freilich auch die Bestseller der älteren Kollektionen auf dem Markt. Ihre Zahl ist jedoch gering, und es sind meist die in jeder Beziehung gängigen Muster. Wer sich also auf einer deutschen Kollektion ein besonders charaktervolles Muster aussucht, sollte sich zumindest einen Flickvorrat gleich mitbestellen. Sonst muß er ganze Zimmer neu tapezieren.

Der Umsatz des letzten doppelten Tapetenjahres 1964/1965 betrug nun 233 Millionen Rollen und 467,3 Millionen Mark. Davon gingen 20 Millionen Rollen – zu 42,8 Millionen Mark – ins Ausland, an erster Stelle nach Frankreich, dann nach England und Italien Der Zuwachs zur Zweijahresperiode vorher: zehn Prozent an Menge, zwanzig Prozent an Wert. Umgerechnet auf den Käufer bedeutet das: 1962/1963 wurden pro Nase 1,85 Rollen gekauft, 1964/1965 dagegen 2,11 Rollen. Eine Rolle ist 10,5 Meter lang, 0,55 Meter breit.

Das alles klingt erfreulich; und die Tapetenindustrie spricht von zufriedenstellenden Erfolgen. Bayern, ist ihr zwar als tapeten-unterentwickeltes Land fein gewisser Dorn im Auge: „Die katholischen Länder (Italien, Spanien, Österreich) tapezieren nicht. Sie streichen.“ Aber das Ruhrgebiet macht’s wieder wett. Dieses Industriegebiet ist der Haupt-Absatzmarkt. Der Luftschmutz zwingt zu häufigem Tapetenwechsel, und die Bergleute tapezieren selber und sparen die hohen Handwerkerkosten.