Tito meint es ernst mit der Liberalisierung der jugoslawischen Wirtschaft. Letzte Woche hat er zwei mächtige Männer ihrer Ämter enthoben, weil sie sich der großen Reform widersetzt hatten: seinen Vizepräsidenten Alexander Rankovic und Svetislav Stefanovic, den Chef des Staatssicherheitsdienstes. Nach diesem Revirement steht zu erwarten, daß ein Kernstück der Reform mit größerer Energie angepackt wird als bisher: die Öffnung des Landes für ausländische Kapitalanleger.

Es geht dabei nicht nur um Lizenzverträge, von denen Jugoslawien in den Jahren 1954 bis 1964 insgesamt 341 abgeschlossen hat; mit 24 Prozent steht die Bundesrepublik dabei an der Spitze, gefolgt von Italien (19 Prozent), Frankreich (10 Prozent) und den Ostblockländern (zusammen 8 Prozent). In erster Linie geht es jetzt darum, ausländische Investoren an Jugoslawien zu interessieren. Finanzstarke Auslandsgruppen werden von der ebenso modernisierungsbedürftigen wie ausbaufähigen Industrie umworben, kleinere Anleger vor allem auf die Entwicklungsmöglichkeiten des Fremdenverkehrs verwiesen.

Den fremden Geldgebern hat Jugoslawien einiges zu bieten. Es ist ein aufstrebendes Land (Einkommen pro Kopf und Jahr 1945: 800 DM, heute: 2200 DM); sein Binnenmarkt ist erst in der Entwicklung, sein Weltmarkt potential vielversprechend. An Arbeitskräften herrscht kein Mangel; wenn auch der Anteil, der bäuerlichen Bevölkerung von 74 Prozent im Jahre 1945 auf 47 Prozent gesunken ist, so bietet das Land doch immer noch ein ungeheures Reservoir billiger, aber anstelliger Arbeitskräfte. Die Abgaben an den Staat halten sich in vergleichsweise mäßigen Grenzen. Die geographische Lage ist günstig, die Verkehrsbedingungen werden von Jahr zu Jahr besser.

Zwei Grundsätze gelten freilich als unantastbar. Zum einen: Keine ausländische Firma darf einfach einen Zweigbetrieb gründen, der ihr allein gehört; sie muß sich stets mit einer einheimischen Firma zusammentun. Zum anderen: Die fremden Geldgeber müssen sich der Arbeiterselbstverwaltung unterwerfen. Wie es ein Belgrader Kabinettsmitglied formulierte: „Unsere Prinzipien können wir uns unter keinen Umständen und zu keinem Preis abhandeln lassen. Aber wir werden uns auf alles einlassen, was die Produktivität erhöht.“

Wo da im einzelnen die Grenze gezogen werden soll, ist noch nicht recht klargeworden. Ein Gesetz ist in Vorbereitung, das die Richtlinien für Kooperationsabkommen definiert. Dem ausländischen Partner soll darin der freie Transfer seines Profit-Anteils garantiert werden; desgleichen werden Arbitrage- und Kompensationsverfahren angeboten. Die Detailbedingungen der Zusammenarbeit können jedoch von Fall zu Fall wechseln; sie hängen von dem jeweils auszuhandelnden Kontrakt ab. Auch wird die Möglichkeit erwogen, ein Ertragsminimum zu garantieren oder für Investitionen in unterentwickelten Gegenden besondere Vergünstigungen zu gewähren.

Bis heute sind schon 270 Kooperationsabkommen geschlossen worden. Beispiele bieten die Partnerschaft Lorenz/Iskra; das Fiat-Werk in Kragujevac; die Verbindung von Pan American und Esplanade-Hotel in Zagreb, von Air France und Hotel Lev in Llubljana, und der Club Mediterrane an der Adria (wo die Ausländer im Arbeiterrat mit diskutieren). Doch schwebt den Jugoslawen jetzt weit mehr vor: eine Vergrößerung und gesetzliche Untermauerung der Kooperationsbeziehungen

Für den kleinen Anleger ist wohl der Sektor Tourismus am interessantesten. Es fehlt an Hotels, Motels, Pensionen und Campingplätzen. Der jugoslawische Fremdenverkehr – kaum ein Sechstel des österreichischen – steckt noch in den Anfängen, aber er hat unzweifelhaft eine große Zukunft. Th. S.