Von Walter Euchner

Gar Alperovitz: Atomare Diplomatie – Hiroshima und Potsdam. Aus dem Amerikanischen von Oscar Wolfbauer. Rütten & Loening Verlag, München, 288 Seiten, 19,80 DM. (Die amerikanische Originalausgabe erschien 1965 unter dem Titel „Atomic Diplomacy“)

Das politische Ereignis, das am stärksten die Mitte unseres Jahrhunderts geprägt hat, ist zweifellos das Auseinanderbrechen der Anti-Hitler-Koalition zwischen den Westmächten und der Sowjetunion. Wie gebannt schaut seither das zeitgeschichtlich interessierte Publikum auf den dramatischen Prozeß der Entfremdung zwischen den ehemaligen Bundesgenossen, dessen Höhepunkte, die Berliner Blockade und der Prager Staatsstreich von 1948. das feste „Bis-hierherund-nicht-weiter“ des Nordatlantikpaktes provozierten. Der Ablauf dieser Ereignisse mit ihren verheerenden Folgen für die Welt, insbesondere aber für Deutschland, ist seither schon oft beschrieben worden, während exakte Analysen einzelner Phasen der westlichen Politik vor dem Bruch mit den Sowjets relativ selten sind.

Das Buch von Gar Alperovitz über die amerikanische Politik vor Potsdam untersucht eine solche Etappe vor dem endgültigen Zerfall der alten Kriegskoalition. Wenn sich seine Thesen halten lassen, so revidiert er damit eine Reihe von Klischeevorstellungen über den Charakter der amerikanischen Rußlandpolitik vor Potsdam, die man in der Regel als gutwillig und illusionär darstellt, was die Gefährlichkeit der Sowjets betrifft.

Aber auch in anderer Hinsicht läßt die Arbeit von Alperovitz die Nachkriegsgeschichte in einem neuen Lichte erscheinen. Häufig wird die Frage aufgeworfen, weshalb die Vereinigten Staaten in Japan die Atombombe eingesetzt haben, obwohl doch deutlich sichtbar war, daß sich Japan am Ende seiner Kräfte befand und außerdem bereits in Moskau, wie dem amerikanischen Geheimdienst bekannt war, Friedensfühler ausgestreckt hatte. Angesichts dieser Tatsache war die amerikanische Versicherung schon immer nicht recht glaubwürdig gewesen, die Atombombe habe man allein deshalb abgeworfen, um den Tod von 500 000 amerikanischen und rund zwei Millionen japanischen Soldaten zu verhindern, mit dem man bei einer Invasion Japans rechnete.

Frühzeitig wurde deshalb die Ansicht laut, der eigentliche Zweck des Einsatzes der Atombombe, sei eine Machtdemonstration gegenüber den Russen gewesen. Gerade dies ist die zentrale These des Buches von Alperovitz – er deutet den Atombombenwurf in Japan als die erste Machtdemonstration im Ost-West-Konflikt.

Truman, so will Alperovitz nachweisen, war sofort nach seinem Amtsantritt entschlossen, die rußlandfreundliche Politik seines Vorgängers Roosevelt zu ändern. Die Atombombe, die sich im letzten Stadium ihrer Entwicklung befand, so glaubte er, gebe ihm genügend Machtmittel an die Hand, um die interalliierten Kriegsabmachungen revidieren zu können, die der Sowjetunion in den Ländern Osteuropas einen in Prozenten umschriebenen Einfluß zugestanden. (So sollte der sowjetische Einfluß in Rumänien 90, in Ungarn 80, in Jugoslawien 50 und in Bulgarien 80 Prozent betragen, während England in Griechenland 90 Prozent Einfluß haben sollte.)