Die Ehrenböller, die tönenden Reden, der laute Jubel auf den Straßen – all das ist verhallt. Die Rußland-Visite des französischen Staatspräsidenten gehört der Vergangenheit an. Gehört sie auch der Geschichte an?

Niemand wird leugnen können, daß auf dieser zuweilen fast triumphalen Tour de Gaulles, die sich über zwanzigtausend Kilometer erstreckte und ihn in fünf große sowjetische Städte führte, gerade die Äußerlichkeiten von Bedeutung waren. So wehte zum erstenmal seit dem Jahre 1812, da der gescheiterte Napoleon Moskau verließ, wieder die französische Flagge über dem Kreml. Weit wichtiger aber war wohl dies: Tausende von Sowjetbürgern feierten de Gaulle, wo immer er auftrat, und nicht Weniger als 50 Millionen sahen ihn auf den Fernsehschirmen überall in der Sowjetunion. Alle, die die Reise miterlebten, stimmen in diesem Punkt überein: Er wurde nicht bejubelt wie irgendein Staatsgast; die warme Begrüßung, die Freundlichkeiten und Ovationen galten gerade dem Besucher aus Westeuropa. So ist es wohl nicht übertrieben zu sagen, daß der Empfang, der diesem Sendboten zuteil wurde, fast die Form eines Plebiszits annahm. De Gaulle hat die Sowjetunion ein Stückchen weiter nach Westen gerückt, er hat sie Europa wieder näher gebracht.

Nun wissen wir alle, daß Begeisterung vergänglich ist, daß sich im Jubel Emotionen äußern, die schnell verschüttet werden können. Auch in der Bundesrepublik wurde de Gaulle einst gefeiert. Aber der Jubel war nicht von Dauer.

Und dennoch: Durch die Reise des französischen Staatspräsidenten ist von dem Wall, der Ost und West trennt, vielleicht doch einiges abgetragen worden. Wenn die These stimmt, daß die Wiedervereinigung Deutschlands schwerlich durch ein diplomatisches Parforce-Manöver zu bewerkstelligen ist, sondern nur eine Folge der Wiedervereinigung Europas sein kann, dann hat de Gaulle ohne Frage auch dem deutschen Interesse gedient.

Freilich erschöpft sich der Erfolg der Reise einstweilen im Atmosphärischen. Eine kühle Analyse der „Moskauer Deklaration“ ergibt, daß neben den wohlformulierten Willensbekundungen handfeste politische Ergebnisse kaum sichtbar sind.

Ein Satz der Deklaration sticht vor allem ins Auge. Er besagt, daß eine Lösung der europäischen Frage „in erster Linie“ im europäischen Rahmen gesucht werden müsse. Dies bedeutet, so wurde – wohl zu Recht – interpretiert, nichts anderes als das verschlüsselte Bekenntnis, daß auch die Vereinigten Staaten von der Lösung der europäischen Probleme nicht ganz auszuschließen seien. Diese Formulierung des Kommuniqués wäre – vage, wie sie ist – nicht einmal besonders erwähnenswert, wenn sich an sie nicht eine wichtige Grundüberlegung anknüpfen ließe: Wie weit ist der Kreml auf die Dauer überhaupt an Frankreich interessiert?

Gewiß bietet der bilaterale Kontakt mit jenem Land, das in so hervorragendem Maße dazu beigetragen hat, die westliche Gemeinschaft zu sprengen, für die Sowjetunion vorübergehend allerlei Vorteile. Aber trotzdem gilt doch wohl immer noch, daß Moskau, was die großen Fragen der Weltpolitik betrifft, vor allem nach Washington blickt. Und so fragt sich eben, wie weit und wie lange das Techtelmechtel mit dem Hilfspartner Frankreich einen Ersatz bieten kann für eine Entspannung mit dem anderen Nukleargiganten, den Vereinigten Staaten.