Argentinien hat einen neuen Präsidenten. Er heißt Juan Carlos Ongania, ist 52 Jahre alt, hat eine sportliche Figur, trägt einen Schnurrbart, gilt als ehrlich und unbestechlich und ist so schweigsam, daß seine Freunde ihm den Beinamen „die Sphinx“ gegeben haben. Aber all das ist weniger wichtig als dies: daß er ein General ist. Und daß die Junta, die hinter ihm steht, aus drei Generalen besteht.

Onganias Amtsantritt war ein großes Schauspiel. Auf dem Platz vor der Casa Rosada, dem argentinischen Präsidentenpalais, standen drei Ehrenkompanien in Paradeuniform. Musikkapellen spielten militärische Weisen. Es erschien die schwarze Limousine des Präsidenten, begleitet von einer berittenen Eskorte in dunkelroten Uniformen, die noch aus dem neunzehnten Jahrhundert stammten. Der Wagen fuhr zum Portal, wo Kadetten der Militärakademie eine Ehrenwache stellten. Der General stieg aus, ging rasch durch das Spalier und verschwand im Palais, um den Amtseid auf das „Revolutionsstatut“ zu schwören.

Es war ein großes Schauspiel – nur die Zuschauer fehlten. Von den sieben Millionen Einwohnern der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires hatten sich kaum tausend eingefunden. Die Bewohner des zweitgrößten Staates von Südamerika haben das gleiche Schauspiel zu oft erlebt. In den letzten 25 Jahren hat es in Argentinien neun Staatsstreiche und über hundert Putschversuche des Militärs gegeben. Nur ein einziger legal gewählter Präsident hat seine sechsjährige Amtszeit vollendet. Alle anderen wurden gestürzt – wie jetzt Onganias Vorgänger Artur Illa.

Und doch war es dieses Mal anders: Am 29. Juni 1966 hat das Militär in Argentinien offiziell die Macht übernommen. Bisher hatte man hier nach außen hin stets die Fassade der Demokratie aufrechterhalten. Jedenfalls in den letzten elf Jahren. Seit 1955 wird Argentinien zwar faktisch vom Militär, offiziell aber von demokratisch gewählten Zivilisten regiert. Die Generale bestimmten die Politik – wenn ein Präsident nicht gehorchte, wurde er abgesetzt; aber sie übernahmen nicht die Verantwortung. Auch wenn sie selber die Regierung stellten, taten sie das nur „vorübergehend“, um „die Verfassung zu schützen“. Wohl stürzte das Militär 1955 den Diktator Peron und begann damit eine Revolution, aber es führte sie nicht zu Ende.

Das hatte schwerwiegende Folgen. Peron flüchtete nach Spanien ins Exil, wo er heute noch lebt, doch blieb er populär bei den Massen. Denn Juan Peron hatte zwar die Freiheit unterdrückt, politische Gegner eingesperrt, das Land in den Bankrott geführt. Aber er hatte etwas für die „Hemdlosen“, für die Armen, für die Arbeiter und die Arbeitslosen getan. Er hatte höhere Löhne, Abfindungsgelder bei Entlassungen, soziale Sicherungen eingeführt. Und das hat man ihm bis heute nicht vergessen.

Die Generale, die Peron und sein Regime 1955 stürzten, setzten nichts an seine Stelle. Sie hatten weder eine politische noch eine wirtschaftliche Konzeption. Als sie nach einigen Jahren in die Kulisse zurücktraten und den Zivilisten die Regierung überließen, durften diese nicht frei handeln.

Die Peronisten, zunächst verboten, dann zögernd als Partei zugelassen, aber in ihren politischen Rechten beschränkt, wurden im Bündnis mit einem Teil der Gewerkschaften bald die stärkste politische Gruppe im Land. Sie stützten sich auf die Arbeiterschaft. Sie stellten vor allem soziale Forderungen. Ihre Stimmen entschieden bald die Ergebnisse der Wahlen. Aber sie konnten sich nicht an der Regierung und damit auch nicht an der Verantwortung beteiligen. Das verbot das Militär. Dadurch geriet ein Drittel der argentinischen Bevölkerung, das hinter den Peronisten stand, in immer schärfere Gegnerschaft zum Staat. Die Folge waren Arbeitsunruhen, Streiks, sinkende Produktion, Inflation und schließlich eine wirtschaftliche und politische Dauerkrise.