Im Süden Afrikas ist ein neuer Unruheherd entstanden: Basutoland – jene britische Miniatur-Kolonie inmitten der Südafrikanischen Union, die im kommenden Herbst in die Unabhängigkeit entlassen werden soll, obwohl die politischen Vertreter der Mehrheit des Volkes den Zeitpunkt für verfrüht halten. Aber der Regierungschef, Häuptling Leabua Jonathan, hat die britischen Bedingungen akzeptiert.

„Wenn die Engländer ihm die Unabhängigkeit gewähren, werden sie in Wirklichkeit Basutoland an Dr. Verwoerd ausliefern“, unkte Oppositionsführer Mokhele. Das karge Bergland der Basutos – kleiner noch als Dänemark – ist wirtschaftlich schon jetzt von Südafrika abhängig. 130 000 Basutos, die Hälfte aller arbeitsfähigen Männer, müssen ihr Brot in den Goldgruben und auf den Farmen der Union verdienen, da das Land für eine Million Menschen zu klein ist.

Premierminister Jonathan zog aus dieser Zwangslage die Konsequenz: Er will gut Freund mit Südafrika sein, ohne das System der Apartheid anzuerkennen oder politische Bedingungen anzunehmen. Die Regierung Verwoerd zeigte sich ihm bisher recht freundlich. Darum geriet Jonathan in den Verdacht, er wolle das Land als eine Art „Bantustan“ (so heißen die selbstverwalteten Eingeborenenreservate in Südafrika) an Verwoerd verkaufen.

Bei den ersten Wahlen, im April 1965 hatte die Nationalpartei des Häuptlings knapp mehr als 40 Prozent der Stimmen und im Parlament eine Mehrheit von zwei Stimmen gewonnen. Jonathans Wahlkampf wurde von protestantischen Pro-Verwoerd-Kreisen in Südafrika und auch von katholischen Organisationen der Bundesrepublik finanziert (zwei Drittel der Basutos sind Christen).

Die beiden Oppositionsparteien die große linksradikale Kongreßpartei Mokheles und eine kleine traditionalistische Häuptlingspartei – vereinigten zusammen 56 Prozent der Stimmen auf sich, fanden jedoch erst in diesen: Jahr zu einer Koalition zusammen. Sie wollen jetzt Neuwahlen erzwingen und die Abmachungen Jonathans mit London nicht anerkennen. Nach ihrem Auszug auf der Londoner Unabhängigkeitskonferenz wurden ihre Delegationen bei der UN und den Commonwealthstaaten Afrikas vorstellig.

Die Unruhe in Lesotho (so soll Basutoland künftig heißen) wird noch verstärkt durch einen Zwist zwischen Jonathan und Oberhäuptling Motlotlehi Moshoeshoe II, dem künftigen König des Landes. Der 29jährige Oxford-Schüler ist mit der für ihn reservierten repräsentativen Rolle nicht zufrieden, er beansprucht Exekutivgewalt über Armee und Polizei und will in der Innen- und Außenpolitik mitbestimmen. Jonathan forderte ihn daraufhin vorige Woche zur Abdankung auf, aber die Oppositionsparteien halten zu Moshoeshoe:

Niemand vermag zu sagen, was geschehen soll, wenn sich unzufriedene Basutos nach dem 4. Oktober gegen Jonathan erheben. Mit seinen 300 Polizisten kann er nicht viel ausrichten, und die Engländer wollen ihm keine Truppen, schicken. Dann bliebe nur noch eins: Die Armee Verwoerds müßte den schwarzen „Freund“ Jonathan retten.