Bonn, im Juli

Obwohl Erhard – nicht Meyers – auch in der CDU, als der eigentliche Verlierer der Wahl in Nordrhein-Westfalen angesehen wird, gilt seine Position als Regierungschef in Bonn keineswegs als akut gefährdet. Noch vor einem halben Jahr hätten sich nach einem solchen Mißerfolg Erhards viele Blicke erwartungsvoll auf Barzel gerichtet. Das ist heute und vielleicht noch auf lange Zeit nicht der Fall.

Die CDU befindet sich in der prekären Lage, daß sie selbst für den derart angeschlagenen Erhard keinen Ersatz hat. Es gibt niemanden, der über eine ausreichende Anhängerschaft in der Bundestagsfraktion und draußen im Lande verfügt. In beiden Fällen hat Erhard noch immer einen Vorsprung vor Schröder, Gerstenmaier oder Kiesinger, wenn auch sein Renommee als nicht zu schlagender Wahlsieger stark gelitten hat.

Im Bundesvorstand der CDU, der am Morgen nach der Wahl in Bonn zusammentrat, kam es auch aus den dargelegten Gründen nicht zu der scharfen Kritik an Erhard, die mancher erwartet haben mag. Selbst Konrad Adenauer, der jahrelang davor gewarnt hatte, Erhard mit dem Kanzleramt zu betrauen, richtete seinen Zorn mehr auf die katholische Kirche, die im Wahlkampf politische Neutralität geübt hatte, als auf den Kanzler.

Einmütig war aber im Bundesvorstand der CDU die Abneigung gegen eine Koalition mit der SPD in Düsseldorf. Und so vernahm dieses Gremium mit Erleichterung die telefonische Nachricht aus Düsseldorf, daß sich auch dort in der Landtagsfraktion der CDU ein ähnlicher Trend abzeichne. Das kann sich freilich wieder ändern, was man natürlich auch im Bundesvorstand in Betracht zieht.

Erhard, Dufhues, Hassel und andere Mitglieder der Führungsgruppe fürchten, daß eine Große Koalition in Düsseldorf nach einiger Zeit auf die Zusammensetzung des Bonner Kabinetts Rückwirkungen haben könnte. Deshalb versucht diese Gruppe, eine solche Entwicklung in Düsseldorf zu verhindern. Eine Alternative wäre die vor der Wahl allgemein erwartete Fortsetzung der bisherigen Koalition zwischen der CDU und der FDP. Darüber wurde im Bundesvorstand der CDU am Montag und im Bundesvorstand der FDP am Dienstag ausführlich gesprochen.

Eine solche Mißachtung des eben erst und so eindeutig bekundeten Wählerwillens könnte freilich gerade in der gegenwärtig wirtschaftlich schwierigen Situation gefährlich werden. Das weiß man in der CDU wie in der FDP. Eine Koalition von 101 Abgeordneten gegen 99 in ihrem Selbstbewußtsein bestärkte Gegner auf der anderen Seite stünde auf sehr schwachen Füßen. Deshalb wurde im Bundesvorstand der CDU auch die Meinung vertreten, man sollte es einfach nach dem Motto: „Mögen sie doch den Sieg auslöffeln, den sie sich eingebrockt haben“, auf eine Minderheitsregierung der SPD ankommen lassen – freilich müsse man dieser Regierung einigen Spielraum lassen.