Von Werner Bergengruen

In meiner Kindheit sahen wir manchmal, wie kleinere Abteilungen noch nicht eingekleideter Rekruten auf öffentlichen Plätzen die allerersten Anfänge ihrer militärischen Ausbildung erhielten. Ich nehme an, es wird sich um Leute gehandelt haben, die, was in Rußland nichts Seltenes war, den Gestellungstermin versäumt hatten, behördlich aufgegriffen worden waren und nun im Wege von Sammeltransporten allmählich ihren oft sehr entfernten Garnisonen zugeführt wurden.

Offenbar wurde ihnen, die ja noch unvereidigt waren, überdies zum Teil Analphabeten, die keine öffentlichen Bekanntmachungen lesen konnten, ihre Saumseligkeit nicht übermäßig verübelt. Jedenfalls habe ich nie gesehen, daß einer von ihnen schlecht behandelt worden wäre. Was uns Kinder belustigte, war eine besondere Gepflogenheit. Diesen jungen Leuten wurde nämlich um den einen Arm eine aus Stroh, um den anderen eine aus Heu gedrehte Schlinge gegeben. Die Kommandos lauteten: „Stroh um kehrt!“ oder „Nach Heu aufschließen!“ und so weiter. Mit dem abstrakten rechts und links wagte man ihnen offenbar erst bei ihren eigentlichen Truppenteilen zu kommen.

Bei deutschen Ladeninhaberinnen, Verkäuferinnen oder Hotelzimmermädchen ginge diese Methode fehl. Der Unterschied zwischen Heu und Stroh wäre Städterinnen am Ende noch schwerer begreiflich zu machen als der zwischen rechts und links; doch scheint auch dieser mühsam genug.

Es ist schwer, in deutschen Städten auf die Fragen: „Wie komme ich zum Café Schmutz, zur Ladenhüter-Allee oder zur Buchhandlung Ulrici?“ eine präzise Antwort zu erhalten. Die Unterschiede zwischen rechts und links scheinen vorwiegend gedienten Soldaten geläufig. Die Frauen unterscheiden mit Sicherheit zwischen rechter und linker Hand, rechtem und linkem Ohr, Fuß, Auge, sind jedoch außerstande, solche Kenntnis von der Anatomie des eigenen Körpers auf die Topographie zu übertragen. Vielleicht schließen sie auch aus ihrer Zeitungslektüre, rechts und links seien nur als politische Bezeichnungen zugelassen.

Es ist meine Gewohnheit, als Ortsfremder Zigaretten zu kaufen und notfalls die Ladeninhaberin um Belehrung zu bitten. Hilfsbereit und redselig überschüttet sie mich mit Details. Weder kann ich diese in der Eile meinem Gedächtnis einverleiben, noch bin ich imstande, ihr zuzuhören. Während sie Atem holt, bitte ich sie bescheidentlich um die mir zunächst allerwichtigste Auskunft: „Wenn ich aus dem Laden herauskomme, rechts oder links?“

Auf diese Frage wird die Antwort, die doch mit einer einzigen Silbe zu geben wäre, mir verweigert. Es ist, als hätte ich sie nicht ausgesprochen. Freundlich redet die Befragte auf mich ein, indessen in einem selbsterdachten Jargon, auf den ich mich nicht verstehe. Sie sagt etwa: „Am besten gehen Sie zuerst seitlich nebenabzu und dann ein Stück in der Länge und bei der vierten Querstraße halten Sie sich immer inwärts.“