Zur Soziologie der Wahl, Sonderheft 9 der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie. Westdeutscher Verlag, Opladen, 360 Seiten, 24,– DM

Dieser von Erwin K. Scheuch (Köln) und Rudolf Wildenmann (Mannheim) herausgegebene, sorgfältigst redigierte Band enthält zehn Untersuchungen der Bundestagswahl 1961. Keinen Beitrag möchte man missen. Einer ist sogar verfassungspolitisch höchst bedeutsam. Schade, daß die Deutsche Forschungsgemeinschaft das Köln-Mannheimer Unternehmen nur zögernd und nicht vollständig finanzierte: daher die späte Publikation und manch torsohafter Zug.

Scheuch und Wildenmann steuerten selbst einen fesselnden „Rückblick auf den Wahlkampf 1961“ und die nachfolgende Regierungsbildung bei. Von den „werbetechnischen Details ihres Ringens um den größten Marktanteil an den Stimmen, analog der Konsumgüterwerbung, fasziniert“, übersahen die Führungsstäbe der drei Parteien manches Politische, eben nicht bloß Marktwirtschaftliche; die Wahl fand „ohne eigentlichen Kanzlerkandidaten“ statt, ihr Ergebnis war „ein Plebiszit gegen Adenauer“.

In einer „Analyse der Wechselwähler“ erforscht Max Kaase auf Grund mehrerer Befragungen (panels), wie viele der 1957 und 1961 Wahlberechtigten und beide mal Abstimmenden bei ihrer Parteistange blieben oder, meist von CDU zur FDP und, mehr noch (?!) zur SPD wechselten. Überzeugend kommt heraus, daß der Bau der Berliner Mauer, fünf Wochen vor dem Wahltag, weniger wirkte als die grundsätzliche Abkehr von Adenauer wegen seiner Präsidialkrise und seines Fernsehmißgriffs. Im Gegensatz zu amerikanischen Meinungen, die die floating voters eher für minderwertig halten, wird sichtbar, daß ein Großteil der Wechselwähler „in der sozialen Schichtung eine überdurchschnittlich hohe Position“ einnahm. Näheres ließ sich leider nicht sagen, da die Mittel für eine Befragung von mindestens zweitausend Personen nicht ausreichten. Da nun 1965 eine Million Wähler weniger für die FDP stimmten und 1,2 Millionen mehr für die CDU und dabei die Koalition um 1 Prozent zurückging, wünschte man die Analyse der Wechselwähler weitergeführt zu sehen.

Zwei Studien sind Bundeswahlkreisen gewidmet, die „verkehrt“ wählten. Das liberale und ländliche Heilbronn fiel an Bazille von der SPD, das traditionelle Marburg an Jahr (SPD). Peter Pulzer und David Schönbaum machen überaus anschaulich, wie die Persönlichkeiten der zweimal drei Matadoren im begrenzten Raum stärker wirkten als die „Struktur“. Man wird neugierig und möchte erfahren, weshalb entgegen dem allgemeinen Trend von 29,5 über 32 und 36,5 auf nunmehr 39,3 Prozent die SPD, oder vielmehr wohl Jahn, Marburg jetzt wieder verlor.

Der in seiner spezialistischen Ausdrucksweise etwas verschleiert wirkende Beitrag von Scheuch „Die Sichtbarkeit politischer Einstellungen im alltäglichen Verhalten“ zeigt neuartige Fragestellungen wie: „Wer kennt Ihre eigenen politischen Ansichten?“ Und, „Wer weiß, welche politische Partei Sie wählten?“ Er fördert Überraschendes zutage: Rund dreißig Prozent der (1960) Befragten will ihr Wahlverhalten „mit niemandem besprochen“ haben; noch rund zehn Prozent meinten, der eigene Ehegatte kenne ihr Verhalten nicht. Anscheinend ist also ein Großteil der Deutschen von dem Begriff des Wahlgeheimnisses so benommen, daß er aus dem Recht, den Wahlakt unbeobachtet zu vollziehen, die moralisch-staatsbürgerliche Pflicht ableitet, über ihn gegenüber jedermann zu schweigen. Eine Studie über dieses Verhalten, über „Wahlpflicht“ und die merkwürdig hohe deutsche Wahlbeteiligung wäre erwünscht.

Von den übrigen Beiträgen sei noch die auf vielen Gesprächen beruhende Darstellung von Uwe Schlethe „Die Finanzen der CDU“ erwähnt. Hier wird die Naivität sichtbar, mit der amtliche Mittel, also Steuergelder, für sie – wie übrigens auch für die SPD – auf Landes- und auch kommunaler Ebene verwandt wurden.