Bremen

Durch einen Hilferuf bremischer Gastronome erfuhr es Polizeipräsident von Bock und Polach erst jetzt: Terror herrscht seit Monaten in einem Dutzend Lokalen der Bremer Innenstadt. Jugendliche Schläger verprügeln Gäste, drangsalieren das Personal, demolieren Inventar und nötigten durch handfeste Drohungen die Wirte zum Schweigen. Eine Rechnung, von den bedrängten Gastronomen gemacht – Engagements von Rädelsführern als Büfettiers und Empfangschefs mit vierstelligen Monatsgagen –, ging gründlich schief. Die Krawalle in den mit Schlägern als Mitarbeitern bestückten Lokalen nahmen nicht ab, sondern zu. Die Polizei ist entsetzt und spricht von „Zuständen wie in Chikago“.

Dies kam jetzt ans Bremer Tageslicht: In vorwiegend von jungen Leuten besuchten Lokalen, die den Gastronomen Wolfgang und Horst Fritz, Hans Werner Gonschor und Hellmut Bullwinkel gehören, hausten Mitglieder einer Schlägergang – fast ausnahmslos gute Bekannte der Polizei – wie die Vandalen. Sie schlugen Gäste zusammen, die sich weigerten, ihnen „Freibier“ zu spendieren, sie verlangten „Schutzgelder“ von den Wirten und versprachen: „Dann lassen wir das Lokal in Ruhe.“ Sie nahmen Lokale mehrfach „auseinander“ und ließen sich von den verstörten Wirten mit Getränken beruhigen. Sie „besetzten“ Bierzapfstellen und verhalfen so ihren Radaubrüdern zu billigen Räuschen. Sie entführten Mädchen aus Damentoiletten.

Wirte, Gäste und Personal wurden im Gangstervokabular eingeschüchtert: „Wer bei der Polizei singt, dem wird die Fresse poliert oder er hat ein Messer zwischen den Rippen.“ Einen von ihnen blutig zusammengeschlagenen Gast transportierten die Akteure eigenhändig ins häusliche Bett: „Klappe halten – oder...“

Die drangsalierten Wirte sahen zwar rot, aber nicht klar. „Wir wollten das selbst regeln, ohne Polizei.“ Man versuchte einen psychologischen Trick und holte sich die Schlimmsten ins Haus, gab ihnen gutbezahlte Posten. Doch nun uferte der Terror vollends aus. Die Wirte heute: „Unser Personal wurde lebensbedrohend unter Druck gesetzt.“ Die Polizei heute: „Die Wirte riefen die bösen Geister, um Ruhe zu bekommen, und wurden sie nicht mehr los. Man kann nicht mit hartgesottenen Schlägern paktieren, um sie sich vom Halse zu schaffen.“ Nach monatelangem Schweigen riefen die Wirte endlich die Polizei.

Seit Monaten gab es zusammengeschlagene Gäste, erpreßte Wirte, demoliertes Inventar, Massenkeilereien, bei denen sich die verletzten Opfer in der Nachbarschaft Verbandsmaterial besorgten; im Zentrum einer Großstadt vor aller Augen Sachbeschädigung, Körperverletzung, Hausfriedensbruch, Nötigung, Erpressung – und keine Anzeige? Doch, sagen die Wirte, Anzeigen seien in einzelnen Fällen erfolgt: „Aber immer wieder wurden wir auf den Weg der Privatklage verwiesen. Schläger wurden, nach Feststellung der Personalien, von den Polizeiwachen entlassen. Wir hatten damit zu rechnen, daß sie, rachewütig, in unsere Lokale zurückkamen.“

Vier „initiativ gewordene Gastronome“ – so Dr. Lange vom Gaststättenverband – haben den Stein, zwar reichlich spät, aber dennoch geräuschvoll ins Rollen gebracht. Des kleinsten Stadtstaates Wunschdenken, ein „Musterländle“ zu sein, in dem nicht sein darf, was sonstwo ist, befindet sich nun im Stadium ungläubiger Tristesse. Es war eben erst, als ein Kommentator öffentlich Auskunft begehrte, ob ein bei den Hamburger Beatle-Krawallen von einem Schnellgericht drakonisch Bestrafter in der Tat ein Bremer sei, weil derlei Untaten nach dem Stand der hiesigen Jugendmoral kaum glaubhaft seien.

Und es war eben erst, als Bremer Jugendschützer der Polizei in Ermanglung eigener Anschauungen gen Hamburg zum Beatle-Festival reisten, um aus den Fugen geratene Jugend in Aktion zu studieren. Sie schweiften in eine vergleichsweise harmlose Ferne, während das nahe Böse daheim vor ihren Haustüren sein Unwesen trieb. Lilo Weinsheimer