Von Ulrich Schmidt

Der Mann hat versehentlich Glyrazin geschluckt und windet sich in Magenkrämpfen. Er ruft seinen Arzt an. Der ist verreist, und seine Assistentin sagt: „Ich schicke sofort einen anderen Arzt zu Ihnen. Was Sie inzwischen tun müssen, sagt Ihnen eine der Giftinformationsstellen. Das sind die folgenden Nummern...“

Der Mann wählt zuerst München 44 98 11: „Ich habe Glyrazin geschluckt – was muß ich tun? Bitte rasch! Ich habe mächtige Schmerzen!“ Dreimal sagt er seinen Spruch, bis ihn die Krankenhauszentrale mit dem richtigen Arzt verbunden hat. Der kann ihm aber keine Auskunft geben, außer der einen, daß er nur Ärzten Auskunft geben darf. Diagnose oder Therapie per Telephon – wo würde das hinführen?

Die nächste Nummer: Hamburg 61 16 41. Wieder vergehen kostbare Minuten, bis der Kranke den diensthabenden Arzt am Telephon hat. Der Anrufer soll zwecks Rückruf Namen und Adresse nennen. Er tut es und hört ein erstauntes: „Ach, Sie sind gar kein Arzt? Auskunft wird nur an Ärzte erteilt. Die Unfallwagen werden so oft durch Fehlalarm belästigt, das soll uns Ärzten nicht auch so ergehen.“

Der nächste Versuch: Saarbrücken 2 14 11. Der Diensthabende der Kinderklinik bedauert: „Auskunftstelle? Haben wir nicht. Das ist ja bloß erst mal ein Plan der Regierung. Aber ich gebe Ihnen einen Rat. Rufen Sie doch mal Berlin an, die Nummer: 94 03 11. Dahin wenden wir uns auch immer, wenn wir nicht weiterwissen.“

Die Berliner Nummer ist veraltet. Mit letzter Kraft ruft der Vergiftete die Telephonauskunft der Post an. Aber auch die hat von einer Giftinformationsstelle nie etwas gehört.

Der arme Giftschlucker gibt das Rennen auf. 24 Minuten sind seit dem ersten Griff zum Telephon vergangen. Im Ernstfall wäre der Mann entweder schon tot oder im Krankenhaus. Der Versuch, die Zeit bis zum Eintreffen des Arztes oder des Unfallwagens für die Rettung aus Lebensgefahr zu nützen, ist gescheitert. Ein angenommener Fall nur, aber durchgespielt wie ein richtiger Alarm. Das Fazit: Der Notruf erstickte in der Medizinalbürokratie.