Von Rainer Mälzig

Eine Kolonie biologischer Monstren wuchert seit über einem Jahre im Laboratorium des Oxforder Pathologen Henry Harris. Noch nie in der jahrmilliardenlangen Geschichte des irdischen Lebens hat es ähnliches gegeben: Heterokaryonen – tierische Zellen, die aus der Vereinigung mehrerer Zellen verschiedener Tierarten hervorgingen. Die Erbanlagen auf den Chromosomen von Hühner-, Kaninchen- und Mäusezellen vertragen sich nicht nur mit den Erbanlagen menschlicher Zellen; sie arbeiten sogar mit ihnen zusammen:

Die Zellen leben weiter und vermehren sich.

Die Oxforder Heterokaryonen-Zucht ist freilich nicht nur ein biologisches Raritätenkabinett. Aus der Beobachtung von Zellkernen unter diesen außergewöhnlichen Bedingungen, so schreibt Professor Harris im Aprilheft der Zeitschrift Discovery, ergeben sich neue Einblicke in den Mechanismus, durch den die Tätigkeit der Gene – der Träger der Erbinformationen – gesteuert wird. Heterokaryonen eröffnen den Biologen ein völlig neues Experimentierfeld.

Die Standesbeamten solch abartiger Mischehen sind Viren. Schon seit fast hundert Jahren kennen die Ärzte einige Viruskrankheiten, bei denen im befallenen Körper Zellen mit mehreren Kernen entstehen: das Virus verklebt zwei Zellen miteinander, und an der Klebstelle löst sich die Zellhaut – die Membran – auf; der Inhalt beider Zellen vermischt sich.

Vor etwa einem Jahre gelang Harris und seinem Mitarbeiter Dr. John Watkins eine bedeutsame Entdeckung. Die Zellverschmelzung, so fanden die Forscher, wird auch von getöteten Viren zustande gebracht; und die verschmolzenen Zellen können aus verschiedenen Tierarten – ja, aus verschiedenen Wirbeltierordnungen stammen. Harris und Watkins nannten diese Zell-Bastarde „Heterokaryonen“.

Die Heterokaryonen entfalten seitdem in dem Oxforder Labor eine rege Aktivität. Alle Zellkerne arbeiten normal weiter. Sie produzieren sogar die Kernsäure DNS und können deshalb ihre Erbsubstanz kopieren; selbst zur ordnungsgemäßen Zellteilung sind sie in der Lage. Oft versammeln sich die Chromosomen zweier Kerne zu einem einzigen großen Zellkern. Auch diese Mischkerne, in denen Chromosomen von Hühnern und Menschen, Mäusen und Menschen oder Kaninchen und Menschen durcheinanderwimmeln, arbeiten einwandfrei.