Weiler bei Köln

An der Blockstelle Weiler, die zwischen den Bahnhöfen Köln-Longerich und Köln-Worringen liegt, macht seit zwölf Tagen ein neuer Schrankenwärter Dienst. Der 62jährige Emil Liebert löste seinen 31jährigen Kollegen Anton K. ab, dem die schwierige und komplizierte Arbeit in der Blockstelle zum Verhängnis wurde.

Es war ein Samstag wie jeder andere, jener 9. Juli 1966. Seit zwei Stunden versah Anton K. die Morgenschicht. Durch einen Blick auf seinen Fahrplan und auf die Uhr hatte er sich vergewissert, daß bis zur nächsten Zugdurchfahrt noch ein paar Minuten verstreichen würden. Dann klingelte das Betriebstelephon. Anton K. meldete sich vorschriftsmäßig: „Hier Blockstelle Weiler.“ Der Fahrdienstleiter von Longerich meldete, der fahrplanmäßige D-Zug 123 von Köln nach Neuß werde den Bahnhof Longerich um 8.11 Uhr passieren. Anton K. wußte aus seinem Fahrplan, aber auch aus Erfahrung, daß der Zug eine Minute später, also 8.12 Uhr, die Blockstelle Weiler erreichen würde. Wieder klingelte das Telephon. Diesmal meldete sich der Fahrdienstleiter von Worringen und kündigte an, daß der Eilzug E 222 Emmerich–Oberhausen –Neuß–Köln gegen 8.11 Uhr durch Worringen käme. Er würde Weiler zwei Minuten später erreichen. Anton K. schrieb beide Züge in sein Zugmeldebuch, schloß um 8.11 Uhr die Schranke und stellte anschließend die Signale in beiden Richtungen auf „freie Fahrt“.

Als der D 123 von Köln nach Neuß fahrplanmäßig um 8.12 Uhr den Übergang Weiler passiert hatte, widerfuhr dem als überaus zuverlässig bekannten Anton K. das, was in Gerichtsakten meist als „menschliches Versagen“ umschrieben wird. Anton K. kurbelte die Schranke wieder hoch, ohne daran zu denken, daß seine beiden Signale noch auf „Fahrt“ standen und aus Richtung Neuß mit 119 Stundenkilometern Geschwindigkeit der Gegenzug, der E 222, heran – raste. Ein automatisches Warnsignal, das ihn auf den Fehler aufmerksam machen könnte, gab es in Weiler nicht.

„Ich sah auf einmal einen hellen Wagen von links auf die Schienen fahren“, gab der Führer des Eilzugs später zu Protokoll. „Sofort löste ich die Schnellbremse, gab Warnsignal und streute Sand.“ Aber es war zu spät. Die E-Lok erfaßte den Personenwagen; erst nach 840 Metern kam der Zug zum Stehen. Vier Menschen fanden den Tod. Schrankenwärter Anton K. erlitt einen Nervenschock. Er wurde festgenommen.

Jetzt ist Emil Lieben als menschliches Rädchen in die Sicherheitsmaschinerie auf diesem Streckenabschnitt eingespannt. Acht Stunden täglich springt er zwischen den Fenstern, die ihm den Blick auf die Strecke freigeben, dem Telephon, der Schrankenkurbel und den Signalhebeln hin und her. Alle acht Minuten muß er die Schranke schließen. 60 Züge passieren die Blockstelle Weiler während seines Dienstes. Der Verkehr auf der kreuzenden Landstraße 2. Ordnung ist dagegen verhältnismäßig gering. 500 Kraftfahrzeuge in 24 Stunden. Daneben bedient Emil Liebert noch eine sogenannte Anrufschranke, die normalerweise geschlossen ist und bei der sich die Passanten mittels eines akustischen Signals bemerkbar machen. Über ein Mikrophon kann Emil Liebert hören, wenn Fußgänger, Schafherden oder Kraftfahrer die Geleise überschritten haben, dann schließt er die Schranke, die er nicht sieht, wieder.

„Seit 27 Jahren arbeite ich mit Schranken“, erklärt er, „und mir ist im ganzen Dienst noch nix passiert.“ Über Langeweile klagt er nicht. „Ich nehme nichts zum Lesen mit, das geht überhaupt nicht.“ Abgesehen davon, daß Emil Liebert seine kärglich möblierte Arbeitsstelle selbst reinigen und nach der Heizung im Keller sehen muß, hat er noch eine ganze Reihe anderer Aufgaben zu erfüllen. Er soll das Streckennetz vom Fenster aus beobachten, Tiere könnten auf den Bahnkörper laufen, ein Bahndammbrand ausbrechen.