Als der neue Chef der amerikanischen Food and Drug Administration (F. D. A.) im Januar sein Amt antrat, fand er einen unerledigten Rückstand von über 4000 Anträgen allein der pharmazeutischen Industrie vor. Hinzu kamen beunruhigende Erscheinungen auf dem Gebiet der Nahrungsmittelindustrie und der Kosmetika erzeugenden Fabriken, die Entscheidungen verlangten.

Der neue Mann, Dr. James (Jim) Lee Goddard, 43 Jahre alt und Chef einer Behörde mit über 4000 Wissenschaftlern, Ärzten und Beamten und einem 50-Millionen-Dollar-Budget, lieh sich auf Grund persönlicher Beziehungen 125 Ärzte vom öffentlichen Gesundheitsdienst der USA aus, um die Rückstände zu verringern, und ging dann kühlen Mutes daran, den seiner Aufsicht unterstellten Industrien und der Öffentlichkeit zu verkünden, wie die Sache in Zukunft gemacht werde.

Goddard hat gute Qualifikationen für sein Amt. Unmittelbar vor seiner Berufung nach Washington war er Chef der Bundesbehörde, die in Atlanta, Georgia, den Kampf gegen ansteckende Krankheiten und Epidemien leitet. Er ist ein ausgebildeter Arzt und hat als Assistent Surgeon General der Vereinigten Staaten einen Rang, der dem eines Brigade-Generals entspricht. Sein Werdegang schließt weiter eine Tätigkeit beim öffentlichen Gesundheitsdienst, beim staatlichen Gesundheitsamt in New York und beim medizinischen Programm der amerikanischen Luftfahrtsbehörde ein.

Kurz nach Antritt seines Amtes bei der F.D.A. erklärte er laut und vernehmlich, die Behörde habe ihr Amt bisher in sehr laxer Weise ausgeübt. Was er damit meinte, wurde bald klar. Zwei Wochen nach Amtsübernahme gab er bekannt, daß die pharmazeutische Firma Merk – eine ehemalige Tochtergesellschaft des gleichnamigen deutschen Unternehmens, die jedoch heute selbständig ist – Versuche mit einem empfängnisverhütenden Medikament eingestellt habe, das suspekt war, Krebs herbeizuführen. Er gab einem anderen weltweiten Konzern, der Ciba, genau 24 Stunden, eine Droge gegen Konvulsionen vom Markt zurückzuziehen, über deren Nebenwirkungen die Firma der F.D.A. selbst berichtet hatte.

Der nächste Schlag war der Befehl, rezeptfreie antibiotische Hustenmedizin vom Markt zu entfernen, da sie größtenteils wirkungslos seien. Die Firma Searle wurde öffentlich verwarnt, weil sie eine kontraceptive Pille annoncierte, ohne die Verkaufsgenehmigung der F.D.A. erhalten zu haben.

Daß ein neues Regime in Kraft war, merkte die Industrie, als die Order kam, bei einigen langwirkenden Sulfa-Drogen auf dem Etikett viel weitreichendere Warnungen anzubringen, als das früher üblich war. Eine Firma gab 40 000 Dollar aus, um ihre Ware sofort zur Neuetikettierung zurückziehen zu können. Früher hätte sich die F.D.A. damit einverstanden erklärt, daß die Präparate nach und nach zurückgezogen werden. Die pharmazeutische Industrie, die zunächst gehofft hatte, es werde sich nicht allzuviel ändern, horchte auf. Sie begann, Goddard und seine neuen Methoden sehr ernst zu nehmen.

Das Grundprinzip der neuen F.D.A.-Politik ist, das Risiko einer neuen Droge genau gegen ihren Nutzen abzuwägen und ganz besonders auch auf die Wirksamkeit des Präparats zu achten. Bei den Hustentropfen gab es kein Risiko für das Publikum, aber das Mittel war auch nicht wirksam. Bei den langwirkenden Sulfa-Drogen, deren Wirksamkeit auch Goddard nicht verkennt, war der Zweck der strengen Neuetikettierung, die Ärzteschaft immer wieder vor die Frage zu stellen, ob die einfachen oder die etwas gefährlicheren langwirkenden Drogen notwendig seien. Die Entscheidung, ob das Risiko oder die Wirksamkeit überwiege, wurde hier dem Arzt überlassen, aber die Etikettierung soll ihn immer wieder mahnen, vorsichtig zu sein.