Von Hildegard Hamm-Brücher

Auf dem Weg zur Columbia-Universität fragte mich mein Taxifahrer, ob ich wüßte, was ein berühmter Professor sei, und während ich noch bereitwillig darüber nachdachte, definierte er gedankenvoll: „Nun, das ist ein Mann, der etwa zwanzig Prozent seiner Dienstzeit in der Luft hängt.“

Ich mußte lachen, und erst im Laufe meiner Wanderschaft durch amerikanische Universitätscampusse fand ich heraus, daß seine Definition druckreif war und nicht sonderlich übertrieben: Tatsächlich steigt der Kurswert eines amerikanischen Professors proportional seiner Berater- und Gutachtertätigkeit, und sein Prestige mißt sich an der Zahl seiner öffentlichen Verpflichtungen und politischen Engagements. Das profiteri – das öffentliche Bekennen – nimmt er durchaus wörtlich, und aus Gründen der Zeitersparnis benutzt er gern den Luftweg und das Flugzeug: Er hängt tatsächlich viel in der Luft.

Ungeachtet seiner freiwilligen Verpflichtungen in der Welt muß der amerikanische Professor jedoch auch seine wissenschaftlichen Pflichten mit unerbittlicher Regelmäßigkeit erfüllen: Er muß publizieren, sonst ist er erledigt. Er muß sich sehr viel um seine Studenten kümmern, sonst ist er nicht beliebt und also auch erledigt. Er muß, als Folge der auch bei uns diktierten Intensivierung des Studiums, an vielen Universitäten jährlich drei Semester lesen statt wie bisher zwei, und erst im siebenten Jahr, dem „sabbatical year“, darf er ruhen – auf Kosten seiner Universität.

Der amerikanische Hochschullehrer hat im allgemeinen weniger Privilegien als sein deutscher Kollege und nicht selten ein niedrigeres Gehalt. Die wissenschaftliche, apparative und räumliche Ausstattung, die ihm zur Verfügung steht, ist dagegen wesentlich besser – einschließlich der großartig funktionierenden Hilfsdienste von der Bibliothek bis zur Entlastung von allem Verwaltungskram.

Falls es so etwas wie den Typus eines amerikanischen Professors gibt, dann den völlig unprofessoralen, den, der mit seinen Studenten und Assistenten umgeht wie mit seinesgleichen und bemüht ist, sich für jedermann verständlich auszudrücken.

Schwer zu sagen ist, ob er über Autorität verfügt. Wie es überhaupt nicht leicht ist, herauszufinden, was auf dem amerikanischen Campus und in den Köpfen und Gemütern seiner Bewohner vor sich geht: nicht nur für den Bildungsreisenden aus der Alten Welt, der gewohnt ist, davon auszugehen, daß, mit oder ohne Humboldt, alles beim bewährten alten bleibt; nicht nur für Amerikas Illustrierte, Fernsehen, Zeitschriften und Meinungsumfrager, für die es kein unerschöpflicheres Thema gibt als den Campus – von der Aufnahmeprozedur bis zur Graduierung, vom Campus-Fußball bis zum Campus-Sex. Auch für den Kenner amerikanischer Hochschulverhältnisse „bleibt vieles rätselhaft, bereitet alles Kopfzerbrechen und ... fasziniert dennoch“.