Hamburg

Aus einem neunzehn Bände umfassenden Manuskript wird jetzt ein Dokument, das 42 375 Namen ehemaliger Häftlinge des Konzentrationslagers Neuengamme bei Hamburg enthält. Zum Selbstkostenpreis gibt es ein Wiesbadener Verlag heraus. Umfang rund 500 Seiten, vorläufige Auflage 2500 Exemplare. Das Buch wird unentgeltlich den entsprechenden Stellen in der Bundesrepublik sowie im westlichen und östlichen Ausland zur Verfügung gestellt.

Die Sucharbeit wurde durch Spenden der Kirchen sowie von Privatleuten ermöglicht. 1950 leistete der Bund durch Theodor Heuss einen Beitrag. Die Hansestadt Hamburg hatte einen Zuschuß von 20 000 Mark angekündigt, trat jedoch „wegen der schwierigen Situation der öffentlichen Finanzen“ von dem Angebot zurück und berief sich dabei auf das „Gedenkbuch für die Opfer von Neuengamme“, in dem drei Reden zu finden sind, die bei der Errichtung der Gedenkstätte gehalten wurden.

Daß überhaupt eine neue Gedenkstätte errichtet wurde, ist vor allem den Franzosen zu danken. Und noch einer half: der Graphiker H. A. P. Grieshaber. Er hörte in Hamburg von dem Such- und Hilfswerk. Das fünfte Heft seiner sporadisch erscheinenden Zeitschrift „Engel der Geschichte“ erhöhte er um eine Sonderauflage von 500 Stück und widmete sie Neuengamme. Der Erlös, 22 000 Mark, ging für die Druckkosten nach Wiesbaden, sie betragen insgesamt 50 000 Mark.

Neunzehn Jahre benötigte der Hamburger Zimmermann, Schriftsteller und Kontorbote Franz Glienke, um seine Sucharbeit abzuschließen. Da die meisten Totenlisten aus den Konzentrationslagern in Moskau lagen, fuhr er zur russischen Botschaft nach Ostberlin. Im Austausch gegen die Namenslisten aller sowjetischen Staatsbürger, die in deutschen Konzentrationslagern starben, erklärte man sich bereit, die Listen auszuhändigen. Aber das Bundesministerium für Vertriebene wollte nicht. Franz Glienke, der seit 1947 seine Haftentschädigung in die Sucharbeit gesteckt hatte, gründete den „Freundeskreis“, eine Arbeitsgemeinschaft ehemaliger KZ-Häftlinge. Zusammen mit den Standesämtern und Friedhofsverwaltungen – auf 67 Friedhöfen in der Nähe der Außenlager Neuengammes waren Häftlinge bestattet worden – kamen allmählich 35 000 Namen in die Bücher. Neuengamme war vorwiegend ein Ausländerlager gewesen, wo von der SS und dem SD die in den besetzten Gebieten zur Tode Verurteilten exekutiert wurden. Außerdem war es das letzte große KZ, das die Alliierten in Deutschland befreiten. Zuvor hatte die SS die Insassen auf einem Gewaltmarsch, bei dem jeder, der nicht mehr weiter konnte, erschossen wurde, zur Lübecker Bucht getrieben. Englische Bomber hatten die drei Transportschiffe versenkt, auf die man die Häftlinge verladen hätte. Über 9000 KZler ertranken in den verschlossenen Laderäumen. Die Haftbücher von der Haftnummer 1 bis 70 000 ermöglichte die Identifizierung eines Teiles dieser Toten.

Ben Witter