Eine Ideengeschichte der Wiedervereinigungspolitik

Von Theo Sommer

„Denken an Deutschland“ heißt der Titel eines Buches über die Probleme der Wiedervereinigung, das in diesen Tagen in der Reihe der ZEIT-Bücher erscheint. Neben dem hier abgedruckten Artikel von Theo Sommer enthält es Beiträge von Rüdiger Altmann, Egon Bahr,Peter Bender, Klaus Bloemer, Karl Hermann Flach, Zbigniew, Brzezinski, Theodor Eschenburg, Johannes Gross, Martin Jänicke, Albrecht v. Kessel, Henry A. Kissinger und Helmut R. Külz.

„Durststrecken kann man auf Dauer nicht überwinden, indem man auf den nächsten Regen hofft, sondern nur dadurch, daß man nach neuen Quellen sucht.“

Hildegard Hamm-Brücher

Dreizehn Jahre sind seit der Niederschlagung des ostdeutschen Aufstandes vom Juni 1953 vergangen, fünf Jahre seit der Errichtung der Berliner Mauer. Der Einheit unseres gespaltenen Landes sind wir in dieser Zeit nicht einen Schritt nähergekommen. Der alte Trost, daß die Wiedervereinigung kommen werde, weil sie ja kommen müsse, wird nicht einmal von denen noch recht ernst genommen, die ihn, zwischen zwei Kammermusiksätzen, von Buchsbäumen flankiert, jedes Jahr am 17. Juni mit pathetisch belegter Stimme von sich zu geben pflegen. Wohl verkündet die Bundesregierung: „Die bisherige Politik hat noch nicht zum Erfolg geführt. Aber der Weg, den die Bundesrepublik Deutschland und ihre Verbündeten eingeschlagen haben, ist der richtige. Er muß weitergegangen werden.“ Das Volk jedoch, wenn es diesen Weg überhaupt klar vor Augen sieht, denkt nüchterner über die Chancen, auf ihm zum Ziel zu kommen. Meinungsumfragen machen deutlich, daß der Wiedervereinigungswunsch der Westdeutschen über die Jahre an Intensität gewonnen hat, daß freilich zugleich der Glaube an seine praktische Verwirklichung immer geringer geworden ist. Die Kluft zwischen Zukunftshoffnungen und Zukunftserwartungen hat sich mehr und mehr verbreitert.

Es besteht kein Anlaß, diese Tatsache auf alarmierende Weise zu interpretieren. Wenn der Zweifel inzwischen den Glauben aussticht, so verbirgt sich dahinter nichts anderes als Realitätssinn. Die Mehrheit der Westdeutschen weiß, was sie wünscht, aber sie weiß auch, was dem Wunsch in der Wirklichkeit entgegensteht. Sie wiegt sich nicht mehr in Illusionen; und sie nimmt die rhetorischen Buchsbaumblüten nicht ernster, als ein Modikum an Staatsloyalität und Verbalkonformismus gebietet.