Niemand vermag heute mehr die Atmosphäre jener Tage vor 22 Jahren zu reproduzieren. Auch der nicht, der alle Dokumente kennt, die letzten Briefe, die erpreßten Aussagen vor dem Volksgerichtshof, die Niederschriften der Überlebenden. Ja selbst wer damals mit dabei war, vermag sich eines nicht mehr ins Gedächtnis zurückzurufen, nämlich die existentielle Konfliktsituation, in der jeder, der zum Widerstand gehörte, stand: Zorn, Verzweiflung und Abscheu, und dann wieder Angst und Einsamkeit und schließlich jene qualvolle Frage: Darf man, muß man Hochverrat begehen? Darf man, muß man töten?

So mag es nicht verwundern, daß es immer weniger und weniger Menschen sind, die begreifen, also Verständnis, ja auch nur Interesse haben für dieses erregendste aller Kapitel unserer Geschichte. Allenthalben erstehen jetzt Do-it-yourself-Helden, die in der Sekurität und Sattheit der sechziger Jahre sich ausmalen, wieviel gescheiter sie es sicherlich angefangen hätten, wobei sie gewöhnlich die heutigen, nicht die damaligen Umstände unterlegen.

Da gab es unlängst einen solchen Helden, er war siebzehnmal rechtskräftig vorbestraft – vorwiegend wegen Eigentumsdelikten –, der sich diesen Stoff aneignete, um ihn dann aus seiner Gossenperspektive zu einem Drama zu gestalten. Ein Theater nahm erst nach einer öffentlich veranstalteten Leseprobe davon Abstand, dieses Stück aufzuführen.

Und da kommt jetzt ein neues Werk heraus, in dem eine Gruppe von Historikern den Geist des Widerstandes offenbar mit der Elle staatsrechtlicher Pädagogik und demokratischer Mustergültigkeit mißt. Einige von jenen, die sich damals gegen Hitler und die Nazis auflehnten, seien keine guten Demokraten gewesen. Jene Zensoren vergessen, daß die Kraft, die erforderlich war, um Tod, Folter, Ehrverlust und jene barbarische Mithaftung unmündiger Kinder zu ertragen, kaum aus der Begeisterung für politische Demokratie erwachsen konnte, sondern allein aus ethischer oder religiöser Argumentation.

Es war ja keine politische Revolution, es war eine moralische Revolution. In der für den 20. Juli vorbereiteten Regierungserklärung heißt es: „Erste Aufgabe ist die Wiederherstellung der Majestät des Rechts ... Die zerbrochene Freiheit des Geistes, des Gewissens, des Glaubens und der Meinung wird wiederhergestellt.“ Und in den Befehlen an die Wehrkreise wird angeordnet, daß die Konzentrationslager zu besetzen, die Kommandanten zu verhaften und die Häftlinge beschleunigt zu entlassen seien.

Jedes Volk hat seine Helden, seine Revolution, die es als Symbol empfindet: England die „Glorious Revolution Frankreich den „Quatorze Juillet“, die Sowjetunion den 25. Oktober. Ob der 20. Juli je zu unserem Symbol werden wird? Man hat nicht den Eindruck, daß das Volk sich mit diesem Tag und seiner Aussage identifiziert. Vielleicht weil es nicht um handfeste, leicht erkennbare Gruppeninteressen ging, um den Aufstand einer Klasse gegen eine andere, um den dritten, vierten oder fünften Stand, sondern eben um eine moralische Revolution, um die Wiederherstellung des Rechtes an sich.

Für das Recht der anderen und nicht um des eigenen Vorteils willen sein Leben zu opfern – kann es ein großartigeres Symbol geben? Man möchte wirklich mit keinem anderen Volk tauschen. Dff.