Der Einbruch der Sozialdemokraten in katholische Wählergebiete ist ein wesentliches Merkmal der Wahl in Nordrhein-Westfalen. Die sozialdemokratische Einfärbung bisheriger CDU-Hochburgen in Nordrhein-Westfalen, die schon bei der letzten Bundestagswahl zu beobachten war, hat sich verstärkt. Sechs bis acht Prozent gewann die SPD in den katholischen Kerngebieten des Rhein-, Münster- und Sauerlandes. Viele Katholiken haben zum ersten Male der SPD ihre Stimmen gegeben, und zwar ohne schlechtes Gewissen.

Zwei Tage vor der Wahl selbst nannte „Der schwarze Brief“ („Vertrauliche Informationen aus Kirche und Politik“), ein vom ehemaligen Chefredakteur der katholischen „Neuen Bildpost“, Clausen, herausgegebener und konservativen CDU/CSU-Kreisen nahestehender Informationsdienst, zwei Gründe für den Mißerfolg der Union: Erhards Auftritte zwischen Rhein und Weser und das „nichtssagende“ Bischofswort zur Wahl, durch das den Katholiken der Maßstab verlorengegangen sei. In dem Rundschreiben aus dem saarländischen Lippstadt wird „führenden CDU-Politikern“ Nordrhein-Westfalens vorgeworfen, für eine Zusammenkunft mit Bischöfen plädiert zu haben. „Währen sie besser über den Trend des Episkopats in letzter Zeit informiert gewesen, hätten sie wissen müssen, daß eine auch noch so dezent formulierte Empfehlung für die CDU nicht mehr erreichbar ist“, schrieb Clausen und resümierte: „Heute weiß man, daß ein Schweigen der Bischöfe besser gewesen wäre.“

So „nichtssagend“ das Bischofswort für die CDU war, so vielsagend war es für die SPD, die es in den CDU-nahen Dortmunder „Ruhr-Nachrichten“ auf eigene Kosten in einer Anzeige publizierte. Im gleichen Blatt konterte darauf die CDU mit dem Text: „Das ist der wahre Heinz Kühn (Spitzenkandidat der SPD): Ich habe meine Trennung von der Kirche vollzogen.’ (Landtag NRW, 2. Wahlperiode, 47. Sitzung, 1. 4. 1952, Protokollband 11). Und nun? Wählen Sie lieber CDU.“

Tatsächlich war in der Verlautbarung der fünf nordrhein-westfälischen Bischöfe zur Landtagswahl 1966 – im Gegensatz zu 1962 – keine indirekte Empfehlung für die CDU ablesbar. Es wurde nicht mehr wie vor vier Jahren gefordert, „nur solchen Männern und Frauen Vertrauen zu schenken, die durch ihr Leben und durch ihre Entscheidungen im öffentlichen Räum erkennen lassen, daß sie Christen sind“. Diesmal hieß es unter Berufung auf die vom Konzil promulgierten Pastoralkonstitution „Die Kirche in der Welt von heute“: „In Fragen der Ordnung irdischer Dinge kann es unter Christen berechtigte Meinungsverschiedenheiten geben. In solchen Fällen hat niemand das Recht, die kirchliche Autorität ausschließlich für sich und seine eigene Meinung zu beanspruchen.“

Katholische Funktionäre korrigierten die Meinung ihrer Bischöfe. Im Wahlkampf um die 200 Parlamentssitze in Düsseldorf suggerierten sie den Katholiken des Landes, daß in dem vom Konzil konzedierten Pluralismus die SPD nicht eingeschlossen sei. In dem von mindestens einer Million Katholiken gelesenen Monatsblatt „Mann in der Zeit“ („Herausgegeben im Auftrage der deutschen Bischöfe“) verbreitete der Generalsekretär des Zentralkomitees der deutschen Katholiken in der Juni-Ausgabe, daß es für den deutschen Katholizismus „keine Öffnung nach links“ geben könne. Seine Begründung: In den Reihen der SPD seien „kaum“ katholische Politiker tätig. „Linksorientierte Wunschträume helfen nun einmal nicht über die Tatsache hinweg“, meinte der Generalsekretär, „daß sich die im Laienapostolat tätigen Kräfte im wesentlichen politisch bei den Unionsparteien engagiert haben.“

Während Ruhrbischof Hengsbach vor Bergarbeitern in Gelsenkirchen ohne Rücksicht auf traditionelles Allianzdenken die mangelhafte Sozialpolitik der CDU hart kritisierte, stellte das Blatt der Bischöfe Nordrhein-Westfalen als eine Art Schlaraffenland dar: „In den Großstädten wie in den Dörfern tasten Millionen von Fernsehantennen den Äther ab. Zum Wochenende rollen drei Millionen herausgeputzte Limousinen auf den Straßen des Landes. An den Ladentheken der Kaufhäuser drängt sich die kauflustige Konsumgesellschaft nicht nur an Schlußverkaufstagen. 140 000 Schlepper und 15 000 Mähdrescher machen den Landwirten das Leben leichter.“

In Leserbriefen hieß es, daß laut Handbuch der Bundestagsabgeordneten 138 SPD-Parlamentarier konfessionslos seien, daß die SPD zum Paragraphen 218 und zur Ehescheidung eine „fragwürdige“ Haltung einnehme, daß im SPDregierten Berlin Religionsunterricht kein ordentliches Lehrfach sei. Zur Frage, ob ein Katholik SPD wählen könne, schrieb ein Leser: „Ich bezweifle es. Und mit mir wird es jeder aufrechte Katholik bezweifeln.“ Einen Tag vor der Wahl verteilten Schulkinder in der Bischofsstadt Münster den sonst, in Kirchen feilgebotenen „Mann in der Zeit“ kostenlos in den Straßen.