„Norddeutsche Orgelmeister“ – Werke von Lübeck, Bruhns, Böhm, Weckmann, Buxtehude; Robert Köbler, Stellwagen-Orgel in Stralsund; Deutsche Grammophon Archiv 198 372, 25,–DM

Als Johann Sebastian Bach 1720 den Organisten an der Hamburger Katharinenkirche Johann Adam Reinken besuchte und über zwei Stunden lang vor ihm spielte, soll der damals Siebenundneunzigjährige gesagt haben: „Ich dachte, diese Kunst wäre gestorben, ich sehe aber, daß sie in Ihnen noch lebt.“ Diese Kunst – das war die Fähigkeit, in virtuoser Polyphonie über einen Choral zu improvisieren, Toccaten mit mächtigen Akkordpartien, komplizierten Pedalsoli und rasanten Läufen zu extemporieren, mehrstimmige Fugen ad hoc zu erfinden und das ganze Repertoire an Verzierungskünsten zu entfalten. Ein Organist in Norddeutschland in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts hatte diese Fähigkeit zu besitzen, und die hier aufgenommenen Werke der großen Orgelmeister aus Hamburg, Lüneburg, Husum und Lübeck sind die notierten Ergebnisse solcher Improvisationen. Auf der 1659 von Friedrich Stellwagen erbauten, im Kriege zerstörten und später historisch getreu von Schuke, Potsdam, rekonstruierten Orgel werden sie mit allem Raffinement gespielt: sorgfältig registriert, mit hellen Tutti und farbigen Solostimmen; exakt in der Gruppierung der architektonischen Teile, ohne die leidigen romantischen Steigerungen; sauber phrasiert; hervorragend aufgenommen. Heinz Josef Herbort