Rom, im Juli

In diesen Sommerwochen in Rom zu leben, ist kein reines Vergnügen. Das gar nicht einmal so sehr wegen der Hitze, die durchaus erträglich ist. Wesentlich hemmender wirkt sich die Streikbesessenheit der Gewerkschaften aus. Welche Folgen sie hat, läßt sich am Beispiel des vergangenen Sonntags leicht zeigen:

Wer ans Meer oder in die Albaner Berge fahren wollte und nicht über ein eigenes Auto verfügte, mußte daheim bleiben. Die öffentlichen Verkehrsmittel standen still. Wer versucht war, sich die Zeit zu Hause mit Zeitungslektüre zu vertreiben, mußte mit dem neofaschistischen „Secolo“ vorlieb nehmen. Alle anderen Zeitungen waren nicht erschienen, weil das technische Personal streikte. Wer gar vorhatte, mit der nationalen Fluggesellschaft „Alitalia“ nach Sizilien oder Mailand zu fliegen, dürfte spätestens auf dem Flughafen diese Absicht aufgegeben haben. Denn dort verteilten Vertreter des streikenden Bodenpersonals gedruckte Warnungen, daß die Sicherheit der Flüge nicht mehr gewährleistet sei.

Diesen Beispielen ließen sich leicht zahlreiche andere aus der letzten Zeit zur Seite stellen. Noch heute ist die italienische Post dabei, den Mount Everest von Drucksachen abzutragen, der sich im Mai während eines Ausstandes der Briefträger angesammelt hatte. Es gibt kaum jemand, der in den letzten Monaten nicht schon einmal gestreikt oder mit dem Streik gedroht hätte – von den Krankenkassenärzten über die Belegschaften der Fabriken zur Herstellung kohlesäurehaltiger Getränke bis zum Personal der römischen Filmstadt Cinecitta.

Der wirtschaftliche und auch politisch bedeutsamste. unter diesen Sozialkämpfen hat gerade Anfang dieser Woche einen neuen Höhepunkt erreicht. Am Montag streikte die Mehrzahl der einen Million Metallarbeiter. Es geht um die Erneuerung der Tarifverträge. Dieser Konflikt verdient insofern ein besonderes Interesse, weil die aus Christlichen Demokraten, Sozialisten, Sozialdemokraten und Republikanern bestehende Koalitionsregierung der „Linken Mitte“ unter Ministerpräsident Moro dabei direkt engagiert ist. Ein großer Teil der Metallarbeiter ist in Betrieben der staatlichen Holdinggesellschaft In beschäftigt. Ihr Arbeitgeber ist der Staat, ihr Tarifpartner praktisch der Minister für die staatliche Beteiligung, der wiederum seine Weisungen vom Ministerpräsidenten erhält.

Zur Zeit der ersten Mitte-Links-Regierung unter Amintore Fanfani waren es hauptsächlich die lri-Betriebe und die reinen Staatsunternehmen, die auf Anweisung des Regierungschefs durch ziemlich freizügige Gewährung von Lohnerhöhungen mit dazu beigetragen hatten, daß der Damm der Preis-Lohn-Stabilität überspült und die gesamte Wirtschaft in die „Konjunkturkrise“ des Jahres 1964 gestürzt wurde. Jetzt scheinen die Gewerkschaften eine Neuauflage dieses Manövers versuchen zu wollen. Sie haben am Dienstag den Streik der Metallarbeiter in den Iri-Betrieben abgebrochen, während sie ihn in der Privatindustrie fortsetzten. Verhandlungen mit den staatlichen Betriebsmanagern haben begonnen. Wird die Regierung Moro gewerkschaftlichen Lohnforderungen ebenso nachgeben, wie es seinerzeit die Regierung Fanfani getan hatte? Offenbar will sie hart bleiben. Darauf deuten vor allem Äußerungen des Iri-Präsidenten Petrilli hin, der in letzter Zeit mehrfach erklärte, daß die lri-Betriebe international konkurrenzfähig bleiben und ihre Lohnpolitik allein an diesem Maß orientieren müßten.

Die politischen Auswirkungen dieses Konfliktes zwischen Regierung und Gewerkschaften liegen auf der Hand. Sowohl bei den Christlichen Demokraten als auch bei den Sozialdemokraten und bei den Sozialisten gibt es einflußreiche Gruppen von Gewerkschaftlern. Sie werden in zunehmendem Maße unzufrieden mit ihren Parteifreunden in der Regierung, die als Repräsentanten eines staatlichen Unternehmertums nicht bereit sind, die gewerkschaftlichen Lohnforderungen in den Staatsbetrieben zu erfüllen.