Von Richard Exner

schaftskritik, deren sprachliche Unfehlbarkeit einfach darauf zurückzuführen ist, daß sie an jedem Gegenstand immer nur bestätigt findet, was sie längst weiß.

Was ist aus dem Freiheitsbegriff Sartres geworden? Der Satz: „Der Mensch ist verurteilt, frei zu sein“, der auf Camus’ „Fremden“ anwendbar war, wird zum Zynismus, wollte man damit die Lage der Neger beschreiben. Was für ein Glück für die Neger, dies etwa müßte Sartre sich von Césaire sagen lassen, wenn sie von sich behaupten dürften, zur Freiheit verurteilt zu sein. Nicht aus Freiheit, so stellt Sartre es denn auch dar, sondern unter dem Druck der Verhältnisse handeln die Neger. Kein Zweifel, Sartre hat seinen Freiheitsbegriff einer marxistischen Korrektur unterworfen. Aber die Kritik durch den Marxismus, die er sich gefallen ließ, erwidert er: In dem letzten und größten Aufsatz aus den „Situationen“, „Materialismus und Revolution“, versucht Sartre, mit eben diesem korrigierten Freiheitsbegriff den Materialismus zu kritisieren.

Der Materialismus, erklärt Sartre, lege die Freiheit in die Dinge statt in die Menschen. Die proletarische Revolution ist ja nach Marx kein Akt sich frei entscheidender Individuen, sondern das Produkt objektiver gesellschaftlicher Zwänge. Nicht das revolutionäre Bewußtsein führe die Revolution herbei, sondern umgekehrt: das revolutionäre Bewußtsein entstehe durch die objektive Notwendigkeit der Revolution. Die Revolution ist nur möglich, wenn sie unvermeidlich ist.

Sartre hält die These von der Unvermeidlichkeit der Revolution für einen Mythos. Wie soll es zugehen, so fragt er, daß das revolutionäre Bewußtsein einerseits nichts weiter ist als der getreue Reflex sozialer Verhältnisse und andererseits, immer noch getreuer Reflex, den Umsturz eben dieser Verhältnisse herbeiführt? Spiegelt denn etwa das Bewußtsein mit den Verhältnissen auch ihren Umsturz? Sartre gesteht dem Mythos der Objektivität nur eine taktische Notwendigkeit zu: Der Revolutionär braucht diesen Mythos, um sich und die Massen zu überzeugen. „Wenn aber sein Unternehmen von Dauer sein sollt braucht er nicht einen Mythos, sondern die Wahrheit.“

Der Mythos von der Notwendigkeit der Revolution, so fordert Sartre, muß durch die These von der Freiheit zur Revolution ersetzt werden. Der Revolutionär muß die Verantwortung für seine Revolution übernehmen. Der revolutionäre Akt ist der freie Akt par excellence.

An dieser Stelle schlägt Sartres Kritik an Marx auf Sartre zurück: Die marxistische These von der Objektivität mag ein Mythos sein, durch Sartres Freiheitsbegriff läßt sie sich nicht ersetzen. Zur Revolution kann man sich nicht entscheiden. Es muß ein objektiver Zwang zur Revolution bestehen, damit sie funktionieren kann. Unterstellt Sartre dem Materialismus – und völlig zu Recht – eine Tendenz zum Determinismus, so bringt er seinerseits den Revolutionär in die Gefahr des Dezisionismus. Der einzige Ausweg aus dem Dilemma wäre, so scheint es, die Konzeption einer revolutionären Ethik. Sartre und Marx sind sie schuldig geblieben.