Bonn, im Juli Die Sorgen der CDU nach der Niederlage in Nordrhein-Westfalen sind größer, als nach außen hin erkennbar wird. Dieser Pessimismus wird noch durch die Befürchtungen maßgeblicher Wirtschaftsführer bestärkt, die den Politikern der Union vorrechnen, wie prekär die Finanzlage mancher großen Firma ist, wie leicht durch die Verschuldung der einen oder der anderen großen Stadt über Nacht Zahlungsschwierigkeiten mit unabsehbaren Folgen eintreten könnten. Nur durch rasche, harte Maßnahmen – so lautet ihr Urteil – kann die Bundesrepublik aus dieser Gefahrenzone herauskommen.

Aber wer glaubt noch, daß Erhard die dazu nötige Kraft hat? Und so geht in der CDU die Furcht um, daß er es auch weiterhin mit halben Maßnahmen versuchen könnte, wenn er nicht sogar diesen ausweicht. Sollte sich aber die ungünstige wirtschaftliche Entwicklung fortsetzen, sollten vor allem die Preise weiter so steigen wie in den letzten Monaten, dann könnte sich der Ärger der Bevölkerung darüber im November bei den Landtagswahlen in Hessen, ja vielleicht sogar in Bayern, zu Ungunsten der Union auswirken. Solche Möglichkeiten werden – natürlich nicht öffentlich – in CDÜ-Kreisen sorgenvoll besprochen.

"Das wäre jetzt Barzels große Stunde gewesen", sagte ein CDU-Politiker, der die Verhältnisse gut kennt. "Aber Barzel verstand leider nicht zu warten." Er hätte von Adenauer etwas mehr Geduld lernen können, der erst mit 74 Jahren die Geschäfte des Kanzlers übernahm und sie so gelassen führte, als hätte er noch Jahrzehnte Zeit. Hätte Barzel nur ein wenig warten können – er stünde heute ganz nahe vor dem Eingangstor zum Palais Schaumburg.

Wer käme sonst für die Nachfolge Erhards in Betracht? Nicht wenige CDU-Politiker geben heute dem Bundesaußenminister Schröder bessere Chancen, als er sie wohl je gehabt hat. Noch vor anderthalb Jahren hätten viele kaum darauf gewettet, daß Schröder im Herbst 1965 auch nur noch einmal Außenminister werden würde. Er hat von den Fehlern der Rivalen profitiert.

Zwar würde die Bundestagsfraktion der CDU/-CSU Schröder heute noch kaum zum Bundeskanzler wählen. Dazu bedarf es schon einer Notsituation, in der auch der Letzte spürt, daß es auf Biegen und Brechen geht, und Erhard müßte weitere Mißgriffe getan haben. Auch müßte sich Schröder, um Regierungschef zu werden, mit Strauß arrangieren, und auch das würde vermutlich noch nicht genügen. Sein Verhältnis zum französischen Staatspräsidenten und zum französischen Außenminister ist so kühl, daß er, um eine so bedeutsame Rangerhöhung zu erfahren, wohl einer Absicherung bedürfte. Bei den Kombinationen, die man in diesem Zusammenhang hört, wird Kiesinger als potentieller Außenminister . genannt. Man würde ihm freilich ein solches Angebot nicht auf dem Präsentierteller nach Stuttgart tragen. Er müßte sich schon selber regen. Denn an Inaktivität besteht in Bonn kein zusätzlicher Bedarf.

Strauß hält sich zurück. "Er reist in der Weltgeschichte herum und redet, als wartete er, daß man ihn eines Tages als Retter aus der Not holen wird", spöttelte ein CDU-Politiker. Da mag schon etwas daran sein. Strauß würde, wie die Dinge zur Zeit liegen, seinen Eintritt in ein Bundeskabinett kaum zu erzwingen suchen, wenigstens nicht direkt. Auf die öffentliche Forderung der Jungen Union, der Jugendorganisation der CDU, das Kabinett Erhard solle umgebildet und Strauß in die Bundesregierung hereingenommen werden, was sich ja schon so wie ein Ruf nach dem Retter anhört, reagierte Strauß sehr reserviert.

Trotz allem hätte Erhard noch immer die Chance, über diese Fährnisse hinwegzukommen, wenn er endlich hart Zugriffe. Das ist nicht zuletzt auch wegen jener stimmungsmäßig so labilen, sich gern unzufrieden gebenden Kritikaster nötig, die in den Bierstuben schon wieder für den "starken Mann" plädieren. Noch mag die Zahl dieser Querulanten und politischen Geschäftemacher gering sein – sie könnte aber noch zunehmen, wenn sich die wirtschaftliche Lage weiter verschlechtern und die Bundesregierung weiter darauf schwächlich reagieren sollte.