Von Rudolf Walter Leonhardt

Ausgerechnet in Birmingham: Birmingham ist die nach London zweitgrößte, aber gewiß nicht die zweitschönste Stadt Englands. Und vollends das Aston-Viertel mit dem Sportplatz des in letzter Zeit nicht sehr glanzvollen Birminghamer Fußballvereins Aston Villa – dagegen ist Recklinghausen lieblich.

Englische Freunde wollten sich schier schieflachen, als ich mich aus Birmingham meldete. Und als ich ihnen erklärte, ich hätte es mir zur Aufgabe gemacht, das Schicksal der deutschen Fußballmannschaft hier zu verfolgen, wußten sie nicht recht, ob sie das nun mehr komisch oder mehr traurig finden sollten.

Die englischen Veranstalter und das Los haben es so gewollt, daß für die Deutschen die Schicksalsstunden in Birmingham schlagen: Gestern noch auf stolzen Rossen (5:0 gegen die Schweiz, in Sheffield), heute gar kein Tor geschossen (0:0 gegen Argentinien, in Birmingham), und morgen (genauer: am Mittwoch) ... nun, das Spiel, das die erste Hälfte des Ganzen entscheiden wird (Deutschland gegen Spanien), findet leider nach Redaktionsschluß dieser Nummer der ZEIT statt.

„Raus“ schrie es rechts von mir und meinte den deutschen Linksaußen Held von den Dortmunder Borussen, dessen Neigung, in das Spielgeschehen einzugreifen, mit fortschreitender Zeit merklich nachließ. „Raus“ schrie es links von mir und meinte den nicht recht argentinisch klingenden Argentinier Jorge Albrecht, der auf Kampfunfähigkeit des deutschen Abwehrers Weber durch Frontalzusammenstoß getrachtet hatte.

Die Deutschen haben es nicht leicht mit den Deutschen. Die einen wurden, zuschauend, gestern noch verwöhnt und sahen sich schon an der Spitze der Welt: Heute wurden sie arg im Stich gelassen und schimpften auf Schön und auf das unschöne Wetter und auf Rechts- und Linksaußen; und selbst Tilkowski, der Schlußmann einer noch immer unbezwungenen Abwehr, erschien ihnen allzu unsicher.

Die anderen, die Spieler, wurden gestern (nach fünf Toren gegen die Schweiz) noch gefeiert: „Endlich einmal wieder“ und „Beinahe wie 1954“, ein Fußballwunder löst das Wirtschaftswunder ab ... Heute, nach dem Spiel gegen Argentinien, wurden die gleichen Elf (Schön hatte ja auf keinem Posten umgestellt) ausgepfiffen – von einem Publikum, das statistisch knapp zu einem Viertel und akustisch reichlich zu neun Zehnteln aus Deutschen bestand.