Der dritte Mann im Deutschen Pavillon auf der Biennale heißt Günter Ferdinand Ris. Er hat es nicht ganz leicht, sich neben den andern beiden zu behaupten, weder besitzt er das Temperament von Antes noch den Charme, der die Drahtgebilde von Haese auszeichnet und jedermann auf den ersten Blick bezaubert.

Der Biennale-Kommissar Eduard Trier hat gerade wegen des dritten Mannes seiner Wahl manche harte Kritik zu hören bekommen, obgleich Ris gewiß nicht zu den unbekannten oder unprofilierten Künstlern gehört. Er war auch schon, wie Haese und Antes, vor zwei Jahren auf der III. documenta. Man kann immer darüber diskutieren, ob es richtig sei, gerade diesen Künstler und nicht einen andern nach Venedig zu bringen, jeder Kenner würde andere Namen vorschlagen. Man könnte fragen, warum noch niemand auf den Gedanken gekommen ist, beispielsweise Horst Janssen auf die Biennale zu holen. Jedem steht es frei und macht es spekulatives Vergnügen, sich momentweise in der Rolle des Biennale-Kommissars zu versuchen. Triers Wahl ist gewiß nicht die beste aller möglichen, aber jedenfalls eine sehr gute und sorgfältig überlegte Gruppierung, einschließlich des dritten Mannes.

Die Skulpturen von Ris sind eher spröde als gefällig, sie appellieren nicht ans Gefühl, sie bekunden eine unpoetische Nüchternheit, eine kühle Rationalität, ein exaktes Kalkül. Ich nehme an, Ris muß auf der Schule ein vorzüglicher Mathematiker gewesen sein. Er stammt in gerader Linie, um das einzige anekdotische Glanzlicht anzubringen, das mir unter seinen nüchternen biographischen und familiären Daten bekannt wurde, von dem häufig zitierten altdeutschen Rechenmeister Adam Riese ab, der sich auch Ries und Ris schrieb und von 1492 bis 1559 lebte und das erste deutsche Lehrbuch der Rechenkunst verfaßte.

Sein später Nachfahr arbeitet weniger aus der intuitiven Phantasie als nach Adam Riese. „Bemüht bin ich“, sagte mir Ris, „um die Eindeutigkeit der Vorgänge und ihrer Stadien. Um das Ablesbare der verschiedenen Geschwindigkeiten, mit denen die Vorgänge sich vollziehen. Um einen Schnittpunkt aller dieser Vorgänge. Die Balance. Aber was heißt das schon?“

Was heißt das schon? Ich zitiere zum Stichwort Balance den Autor Owen Jones, der 1856 ein Werk unter dem seltsamen Titel „Grammatik der Ornamente“ publizierte: „Die Harmonie der Form besteht im gehörigen Gleichgewicht und Kontrast der geraden, krummen und geneigten Linien.“ Transponiert man den Satz aus der zweiten in die dritte Dimension, dann hat man eine annähernde Vorstellung von den plastischen Problemen, die Ris beschäftigen, die ihn auch schon, bevor er Bildhauer wurde, lange Zeit als Maler beschäftigt haben.

Ris ist 1928 in Leverkusen geboren, er hat von 1947 bis 1950 an den Akademien von Karlsruhe, Düsseldorf und Freiburg Malerei studiert. Bis 1959 hat er als Maler gearbeitet. Aber er ist kein „peintresculpteur“, seine Plastik ist nicht im mindesten malerisch, ist keine Malerei mit anderen Mitteln. Es verhält sich umgekehrt: Die Bilder waren Vorübungen für die Plastik, der Maler wollte den Bildraum auf die Fläche projizieren.

Typische Bildtitel dieser Jahre lauten „Konzentrierter Raum“ – „Integration vieler Räume“ – „Organisation eines Raumwendepunktes“. Der „Konzentrierte Raum“ zeigt eine Doppelflügelform, deren kreisende Bewegung farbige Schatten auf die Fläche wirft. 1959 bekam Ris im Rahmen der segensreichen Aktion „Kunst am Bau“, den Auftrag, eine Reliefwand für das Hildegardis-Gymnasium in Köln zu gestalten. Diese Reliefwand spielt für ihn eine ähnliche Rolle wie für Haese die Uhr, die ihm eines Tages in die Hände fiel. Ris wußte nun, daß er die Lösung für seine räumlichen Probleme in der Plastik zu suchen habe.