Von Ralf Dahrendorf

Der Frühling der deutschen Bildungspolitik ist noch jung; und schon droht den zarten Knospen ein neuer Winter. Hinter der blumigen Metapher steht ein trauriger Sachverhalt. Solange die öffentlichen Haushalte der Bundesrepublik sich rasch ausdehnten und die Mittel für die außerordentlichen (Bau-)Etats leicht zu finden waren, blieben bildungspolitische Initiativen vereinzelt und häufig erfolglos. Jetzt, da überlegte Initiativen an vielen Stellen erkennbar werden und der politische Wille zu einer reformierenden Bildungspolitik alle Parteien beherrscht, versiegen die notwendigen Mittel. In mehreren Bundesländern müssen die Kulturetats gekürzt werden. Zugesagte, ja fest versprochene Mittel für Forschung und Lehre, für die Schaffung neuer Lehrer- und Hochschullehrerstellen, für Schul- und Hochschulbauten werden gekürzt, gestreckt, gelegentlich sogar gestrichen. Bei denen, die gerade erst für die neuen Unternehmungen gewonnen wurden, breitet sich im günstigen Fall Resignation, im ungünstigen Schadenfreude aus. Die Bildungspolitik droht in der Finanzklemme zu ersticken.

Das ist eine mißliche Situation, und dies um so mehr, als eine allgemeine Ratlosigkeit sie zu begleiten scheint. Denn zumindest die Ratlosigkeit ist deplaciert. Tatsächlich stehen wir nicht vor einer deutschen Finanzkatastrophe, sondern vor einer Reihe von Entscheidungen, die sich vernünftig erörtern und dann ohne jede Panik treffen lassen.

Daß in einem Bereich, in dem noch Interessen die politischen Überzeugungen bestimmen – und das in einer Weise, die den klassischen Liberalen entzücken muß – solche vernünftigen Erörterungen tiefsitzende Emotionen wachrufen, macht die Diskussion nur um so nötiger. Vier Gesichtspunkte für eine solche Diskussion notwendiger Entscheidungen scheinen mir von Bedeutung.

Da ist erstens zu bemerken, daß die Finanzklemme nicht nur negative Konsequenzen für die Bildungspolitik hat. Es ist an der Zeit, auch öffentlich zu gestehen, daß in den letzten fünfzehn Jahren im Bereich der Schulen und Hochschulen öffentliche Gelder in zum Teil hemmungslos großzügiger Weise ausgegeben worden sind. Viele Dörfer, von denen seit langem, klar sein mußte, daß sie auf die Dauer eine eigene Schule nicht halten können, haben wunderbare neue Zwergschulen bekommen. Schulen sind oft zu kostspieligen Monumenten lokaler und überlokaler Baumeister geworden; Universitätsinstitute wurden mit einem Aufwand gebaut, der die fruchtbare Forschung nur behindern kann. Im Ganzen hat sich ein neudeutscher Protzstil des Bauens durchgesetzt, der in krassem Mißverhältnis zur Qualität dessen steht, was in den Bauten geschieht.

Wahrscheinlich läßt sich eine ähnlich übertriebene Großzügigkeit auch beim Ausbau der Planstellen nachweisen. Für die Universitäten zumindest sind in teilweise schwer verantwortbarer Weise Beamtenstellen aller Grade beantragt und genehmigt worden.

Wenn die veränderte Finanzlage nun dazu zwingt, Kostenlimits im Schulbau einzuführen, aufwendige Hochschulinstitute nicht mehr ohne weiteres zu genehmigen, die Zahl der Assistenten pro Lehrstuhl zu beschränken und überhaupt ständig nach der ökonomischen Rationalität der Investitionen im Bildungswesen zu fragen, dann hat sie auch eine sinnvolle Wirkung. Bedauern kann man allenfalls, daß erst eine Notlage nötig war, damit das Vernünftige geschieht.