Nüchtern und mit einer gewissen Distanz hat die amerikanische Öffentlichkeit bisher den Krieg in Vietnam verfolgt. Damit ist es jetzt offenbar vorbei. Die Nüchternheit ist den Emotionen gewichen.

Das amerikanische Volk werde, so prophezeite der republikanische Senator Aiken, für den Fall einer Hinrichtung der gefangenen Piloten „die vollständige Zerstörung Nordvietnams“ verlangen.

Die vollständige Zerstörung ... Das bedeutete, drückt man es so schonungslos aus, wie dies nun einmal notwendig ist, nichts anderes als Völkermord.

Gewiß ist der leidenschaftliche Protest, der in Amerika derzeit aufbrandet, gut zu verstehen. Millionenfach vervielfältigt haben die Photos von den Gefangenen, die gedemütigt und angespien durch Hanoi gestoßen wurden, den Stolz einer Nation und ihre Selbstachtung schwer getroffen. Und dann noch Todesurteile gegen Kriegsgefangene – der Schrei nach „verheerender“ Vergeltung würde nicht verstummen.

Würden die Nordvietnamesen amerikanische Piloten hinrichten, es wäre ein schweres Verbrechen. Aber eine Vergeltung, sofern sie aus einem massiven Bombardement bestände, wäre gleichfalls ein Verbrechen. Schlimm ist, daß sich einem Volk, bei welchem sonst die Kategorien des Rechts und der Moral feste Geltung haben, der Blick dafür zu trüben beginnt.

Wachsender Haß schafft stereotype Formeln. Für die Nordvietnamesen sind die Amerikaner schon längst die Teufel in der Luft, für die Amerikaner werden die Nordvietnamesen – alle Nordvietnamesen – mehr und mehr zu roten Banditen, wert allein, vertilgt zu werden.

Im vietnamesischen Krieg ist neben die waffentechnische Eskalation etwas noch Gefährlicheres getreten: die Eskalation des Hasses. Sie zurückzuschrauben, wird sehr viel schwieriger sein, als wieder zu kleineren Granaten zu greifen.