Von Ben Witter

Vor einem Jahr, da hätten Sie mich sehen sollen, ich fuhr jeden Sonntag an die Ostsee, und was brachte ich zurück?“ – Der Mann warf einen Blick auf die Kühe am Bahndamm. – „Angst...! Im Büro sitze ich mit vierundzwanzig Kollegen in einem Raum, das ergab sich, weil wir in einen Neubau zogen, aber an der Ostsee lag ich mit Hunderten von Leuten, die auch in unserem Büro sitzen könnten. in einer Reihe am Strand, ich wartete immer auf einen Sturm, es regnete jedoch höchstens oder der Himmel bezog sich, und die Schlangen vor den Imbißständen, die Autoschlangen, die Schlangen auf den Bahnsteigen, zu Hause im Bett träumte ich oft, ganze Schlangen träumten dasselbe wie ich... Seit sechs Wochen fahre ich nun für 17 D-Mark jeden Sonntag von Hamburg-Altona nach Westerland/Sylt.“ – Seine Haut war so braun wie seine Haare. – „Sehen Sie, ich trage eine Sporthose, die vielleicht etwas zu eng ist, aber sie ist modern, und auf Sylt sind Leute, von denen kaum jemand in meinem Büro sitzen könnte, doch man braucht niemanden zu sehen, ich habe eine feste Kuhle in einer Düne bei Kampen. An der Ostsee kann man zwar auch nackt baden, aber eben in einer Schlange. Auf Sylt gibt es Plätze, wo man so selbstverständlich nackt sein kann, als wäre man es seit der Geburt immer geblieben. Der eigene Körper wird einem auf diese Weise immer wertvoller.“ Der Schaffner kam, und wir zeigten unsere lila Karten vor. „Schon die Farbe der Fahrkarten ist exklusiv“, sagte der Mann. Er hieß Torsten. Ich ging mit Herrn Torsten in den Gesellschaftswagen, der zwischen acht Sitzwagen gekoppelt war, die im Städteschnellverkehr laufen. Am Biertresen hörte ich, daß der Mann, der die Schallplatten auflegte, bei der Güterabfertigung tätig ist. Er legte einen „Hit“ auf und blickte prüfend zu uns herüber. Aber niemand wollte tanzen: Der Mann betrachtete die Kühe am Bahndamm.

Herr Torsten sagte: „Schließlich hat der Sonderzug noch folgende Vorteile: Er fährt durch und ist fast schneller als ein D-Zug. Die Fahrgäste vergessen, daß sie nur 17 D-Mark bezahlt haben, und der Gesellschaftswagen sieht von draußen aus wie ein Speisewagen.“

Einer tanzte jetzt doch. Herr Torsten hatte ihn für ein Mädchen gehalten. Der Bursche hatte ein Mädchen aufgefordert, das inzwischen aufgetaucht war. Das Mädchen hatte geblümte Seidenhosen an, und Herr Torsten sagte: „Auf der Rückfahrt trägt sie bestimmt wieder andere. Irgend jemand kauft ihr jedesmal neue Hosen.“

Ich ging zu meinem Sitzplatz zurück. Die Dame am Fenster auf der anderen Seite des Ganges trug schwarze Kniehosen, die oberhalb der Waden seitlich mit einer Schnalle verziert waren. Ich sagte, solche Hosen hätte ich in der Schweiz gesehen. Die Haare auf den Beinen hatte sie sich gebleicht.

„Ich habe den fahrplanmäßigen D-Zug verpaßt“, sagte die Dame. Eine Dame gegenüber strich ihren Rock glatt und klappte ein Butterbrot auseinander. Aha, Zungenwurst war drauf. Sie hielt die linke Hand unters Kinn, und wenn Krumen herunterfielen, streckte sie die Hand aus und ließ die Krumen in den Ascher rollen. „Als mein Mann noch lebte, fuhren wir im Winter meistens in die Schweiz, aber im Sommer fuhren wir immer nach Westerland. Ich besuche Bekannte von damals auf der Insel; sie holen mich nicht vom Bahnhof ab, denn ich brauche ungefähr eine Stunde, um mir unsere früheren Ankünfte auszumalen; dann gebe ich mir einen Ruck.“

Herr Torsten brachte eine Flasche Bier mit.