Alfred Kantorowicz: Spanisches Kriegstagebuch. Verlag für Wissenschaft und Politik, Köln. 421 Seiten, 24,– DM

Thomas Mann und Hemingway, Theodore Dreiser und Georges Bernanos, Aldous Huxley und Clement Attlee, Malraux und Unamuno sympathisierten während des spanischen Bürgerkrieges mit jenen Kräften, die dem konservativen Rebellengeneral Franco Widerstand leisteten. Attlee verlieh dem Bataillon britischer Freiwilliger seinen Namen, und Nehru reiste nach Barcelona, um den Abwehrkampf der demokratischen Kräfte gegen den heraufziehenden Faschismus kennenzulernen. In der deutschen Öffentlichkeit ist das Bild des „Spanienkrieges“ von den Erlebnissen der Legion Condor und der Abneigung gegen die Kommunisten geprägt, die in Spanien ebenso Widerstand leisteten wie in Deutschland.

Professor Alfred Kantorowicz war einer dieser Kommunisten, deren Idealismus, um eine damals gebräuchliche Vokabel zu gebrauchen, über jeden Zweifel erhaben war. Gerade Männer dieses Schlages haben damals in Spanien erste Zweifel bekommen, sich auf Grund ihrer Erfahrungen gegen den Parteiapparat gestellt und das Feld den linientreuen und unbeirrbaren Apparatschiks vom Schlage eines Walter Ulbricht überlassen. Kantorowicz kam am 20. Dezember 1936 in Madrid an und verließ Spanien als Flüchtling über die Pyrenäengrenze im Frühjahr 1938, nach Francos Sieg. Er hat an verschiedenen Frontabschnitten, zuletzt als Offizier, am Kampf der Internationalen Brigaden teilgenommen und wurde verwundet.

Sein spanisches Tagebuch, dem etwa 800 Schreibmaschinenseiten der eigentlichen Notizen zugrundelagen, erschien nach wechselvollen Schicksalen 1951 im Aufbau-Verlag in Ostberlin. Es enthielt fünf Abschnitte, die für die westdeutsche Neuausgabe im Verlag für Wissenschaft und Politik unter dem Titel „Spanisches Kriegstagebuch“ überarbeitet worden sind. Einleitung und Nachwort sind hier im Westen völlig neu geschrieben worden. Die Schilderung der Kämpfe und Kampfgefährten selbst, in einem hochgestimmten, opferbereiten Ton geschrieben, der uns heute stellenweise wie jeder unreflektierte Kriegsbericht naiv erscheinen will, liefert erneut den Beweis, wie stark sich bei Kantorowicz auf zuweilen entwaffnende Weise der politische Aspekt einer Situation in ein gleichsam menschliches Element verwandelt: darin liegt die Stärke seiner Wirkungen, aber auch wohl ihre Begrenztheit.

An zivilem Mut hat es ihm hüben wie drüben nicht gefehlt. So teilt man ihm im Auftrage des Zentral-Komitees der Sozialistischen Einheits-Partei 1951 mit, daß dieses Buch nicht in die „Bibliothek Fortschrittlicher Deutscher Schriftsteller“ gehöre, die Entscheidung ist der westdeutschen Ausgabe vorangestellt. Auch das Schreiben, das Kantorowicz am 12. Februar 1952 an Willi Bredel richtete und mit dem er sich gegen diese Entscheidung verwahrt, ist in diesem Buch abgedruckt.

Ebensowenig scheut sich Kantorowicz, Terrormaßnahmen der demokratischen Seite zuzugeben, für die seinerzeit schon George Orwell Zeugnis abgelegt hat; er stellt sich damit seinen Kritikern, die ihm Parteilichkeit in Fragen vorwerfen, wo es um Menschlichkeit geht, und setzt sich mit ihren Argumenten auseinander.

Die in der DDR erschienene Ausgabe enthält ein Nachwort, das die ehemaligen Spanienkämpfer in ihrer weiteren Entwicklung zeigt. Genannt werden Franz Dahlem, Heiner Rau, General Gomez (heute Wilhelm Zaisser), ferner Marchwitza, den Kantorowicz besonders lobt, Bredel, Weinert, Eisler und einige heute unbekanntere Namen wie Karl Putzke (recte Egon Dreyer), Ludwig Franke, Fritz Jensen, Erich Kuttner. Alle diese Männer erscheinen in ihren politischen Funktionen als legitime Erben des Geistes der Internationalen Brigaden, im Licht eines nach vorne gerichteten kämpferischen Antifaschismus.