Ein Gespräch mit Dr. Binder, dem Leiter des Amazonas Hospital Albert Schweitzer“

Von Horst Hachmann

In der winzigen Taunusgemeinde Fischbach, in einem Landhaus, hoch an einen Hang geschmiegt, wohnen für ein paar Tage Carmen und Theodor Binder. Sie kamen auf Umwegen über die USA und Skandinavien hierher, aus dem Urwald am Amazonas, nahe der peruanischen Stadt Pucallpa, wo Doktor Binder das „Amazonas Hospital Albert Schweitzer“ leitet. Im Taunus unterbrechen die Binders ihre „Goodwill-Reise“ durch Europa, auf der sie neue Freunde für ihre Arbeit werben wollen.

Als alle Welt gegen ihn war, als man ihm Korruption vorwarf, ihn zum Betrüger und Sittenstrolch herabwürdigte, ihn verleumdete, als die schnöde Rufmordkampagne vor einem Jahr ihren Höhepunkt erreicht hatte, da schien es, als entglitte dem einsamen Mann am Amazonas sein Lebenswerk, das er unter großen Schwierigkeiten aufgebaut hatte. Das „Berliner Ärzteblatt“ warf damals den ersten Stein, und ein Massenchor von Journalisten stimmte den Kreuzigungsgesang an. Allein Rolf Winter, Mitautor des im Kosmos Verlag Stuttgart erschienenen, von Thomas Höpker photographierten Bandes „Yatun Papa“, hielt ein Plädoyer für den attackierten Urwalddoktor. Er schrieb (ZEIT Nr. 3/1965): „Kein Mensch hat es für fair gehalten, die unsagbare physische Strapaze zu würdigen, die Binder, seine Frau und seine loyalen und tapferen Mitarbeiter seit Jahren auf sich nehmen. Einen anrüchigen ‚Fall‘ hat man statt dessen aufgeblasen, an Banalitäten oder Peinlichkeiten hat man sich delektiert, wie Blinde von der Farbe hat man geredet. Der Anstand sollte sich über diese Kampagne empören.“

Winter hatte damals der Masse der Anti-Binder-Schreiber lediglich eines voraus: Er hatte den Arzt an der Stätte seines Wirkens beobachtet, er war dabei gewesen, wie er die Kranken pflegte, wie er arbeitete ohne Feierabend, wie er seinen schwachen Damm mitten im Strom von Not, Entbehrung und Verzweiflung zu festigen versuchte. Heute hat es den Anschein, als habe Dr. Binder den Kampf gegen die Verleumdung gewonnen. Am 16. Mai erklärte der Spiegel: „Inzwischen haben von Dr. Binder benannte Zeugen und vorgelegte Urkunden – insbesondere eine Entscheidung des Obersten Gerichtshofes in Lima vom 13. November 1965 – die in Peru erhobenen Vorwürfe zur Überzeugung des Spiegels entkräftet. Er macht sich daher die Behauptung nicht mehr zu eigen, zumal der Verfasser der Artikel nicht mehr Mitglied der Spiegel-Redaktion ist.“

Hilflos gegen Gemeinheit

Zweifellos: Binder ist rehabilitiert, als Mensch und als Arzt. „Es ist wie eine dunkle Wolke, die langsam am Horizont verschwindet“, sagt er heute, nachdem ihm peruanische Behörden sogar finanzielle Unterstützung gewähren. Er ist noch gesundheitlich angeschlagen von den Wochen, die hinter ihm liegen. „Man kann viele Leiden heilen, und eines Tages wird die Medizin auch heute noch Unheilbares besiegen. Aber eine Krankheit wird nie ausrottbar sein, die menschliche Gemeinheit.“