Im Herbst 1965 verkündete Schatzkanzler James Callaghan, sein Land habe in der „Schlacht um das Pfund“ den Sieg davongetragen. Heute, ein dreiviertel Jahr später, sind die Prognosen über die Zukunft der britischen Währung düsterer denn je zuvor. Die Pfundnotierungen an den Devisenmärkten sind auf den tiefsten Stand seit der großen Krise im November 1964 kurz nach Amtsantritt der Labour-Regierung gefallen. Alan Day schreibt im Observer es gebe heute nur noch einen wesentlichen Grund, warum Wilson vor dem vernünftigen Schritt einer Abwertung des Pfundes zurückschrecke: „Die Labour-Regierung will den Mißerfolg ihrer Wirtschaftspolitik nicht zugeben.“

So muß die Bank von England auf den internationalen Devisenmärkten einen Kampf um die Rettung des Pfundes führen, der England wertvolle Devisen kostet. Nach der Hiobsbotschaft, daß der Juni Großbritannien ein Außenhandelsdefizit von mehr als 100 Millionen Pfund gebracht hatte, vermochte auch die Diskonterhöhung die Krise des Pfundes nicht zu beheben. Die Kursstützung hat die Bank von England nach Schätzungen der City in den letzten zehn Tagen Gold und Devisen im Wert von 80 bis 100 Millionen Pfund gekostet. London kann sich einen derartigen Aderlaß nur erlauben, weil die Notenbanken der zehn großen westlichen Industrieländer immer wieder mit Milliardenkrediten einspringen. Aber dieser internationale Beistand kann nicht auf unabsehbare Zeit in Anspruch genommen werden.

Die wichtigste Ursache der Pfund-Krise läßt sich mit zwei Zahlen erläutern. In den letzten 18 Monaten hat sich die Produktivität der britischen Industrie um nur 2 Prozent erhöht – die Löhne aber sind im Schnitt um 12 Prozent gestiegen. Kein Wunder, daß Englands Anteil am Welthandel geringer wird. Die Labour-Regierung nimmt nun einen neuen Anlauf, durch harte Maßnahmen die Wettbewerbsfähigkeit der britischen Industrie wiederherzustellen. Die Lage an den Devisenmärkten hatte sich so zugespitzt, daß Harold Wilson sein drastisches Sparprogramm eine Woche früher als geplant verkünden mußte. Aber noch immer wird, wie die Times meint, „die Tatsache, daß Großbritannien eine Wirtschaftskrise erster Klasse befürchten muß, entweder nicht erkannt oder ignoriert.“

Wilson hat immer wieder versprochen, daß England das Pfund um jeden Preis verteidigen werde. Begründung: Eine Abwertung werde zu einem massiven Abfluß von Geldern der Mitglieder des Sterlingblocks führen, also die Rolle des Pfundes als Reservewährung erschüttern – und könne überdies zu einer Kettenreaktion führen, deren Auswirkung auf die Wirtschaft aller westlichen Länder nicht vorhersehbar sei.

Alle guten Vorsätze aber können nichts an den Tatsachen ändern: Schon heute kann das von chronischer Schwindsucht befallene Pfund kaum noch als Bindemittel innerhalb des Commonwealth wirken. Wilson kann wohl nur hoffen, seinem Land genug Atem zu verschaffen, um eine Lösung der Pfundkrise mit einer Neuordnung des internationalen Währungssystems zu koppeln. Früher oder später wird England Abschied auch von seinen letzten Illusionen nehmen und erkennen müssen, daß ein einzelnes europäisches Land heute auch auf dem Gebiet der Währung keine Großmacht mehr sein kann. Diether Stolze