km, Singen

Eine hat es nicht überlebt, die anderen sind angeschlagen:

Die Arche Noah sitzt auf dem Trockenen. Am 20. Juli mußten die letzten Mädchen das Narrenschiff in Singen am Hohentwiel verlassen. Ihrer Pflegemutter, Hildegard Röller, wird Begünstigung und Beihilfe zur Körperverletzung zur Last gelegt. Noch am 6. Juli war vom badenwürttembergischen Innenministerium behauptet worden, man habe keine Handhabe, um das Pflegenest, von der „Internationalen Familiengemeinschaft für den Frieden“ eingerichtet und bekannt unter dem Namen „Arche Noah“, zu schließen. Acht Tage später aber gab Bürgermeister Muser bekannt, daß die Ermittlungen der Singener Kriminalpolizei nunmehr die Beweise erbracht hätten, die eine Schließung ermöglichten.

Der Kriminalpolizei ist gelungen, was das Jugendamt nicht vermocht hatte. Nachdem das Haus mit seinen dicht verhängten Fenstern, das von dem Ehepaar Röller betreut wird, schon einmal Anstoß erregt hatte, war es immer wieder von Fürsorgern des Jugendamtes aufgesucht worden. Oberbürgermeister Diez berichtete darüber im Mai im Gemeinderat: Die Kinder würden gut betreut, das Essen sei gut, die Zimmer seien in Ordnung, die Kinder würden nicht gezüchtigt. Die CDU-Stadträtin Keser wußte es aber besser: Man spreche doch bereits darüber, daß die Pflegekinder aus der „Arche“ mit blauen Flecken von Schlägen in die Schule kämen. Und die 15 Jahre die Magdalen Hasler bestätigte es: Mehrmals seien Mädchen nach Ringwil in der Schweiz gebracht worden, wo ihnen „der Teufel ausgetrieten“ worden sei, wenn sie nicht gespurt hätten. Nun mußte auch Pflegemutter Röller gestehen: Sie wußte, daß die Mädchen in Ringwil gezüchtigt wurden.

So war auch die 17 Jahre alte Bernadette Hasler, die Schwester von Magdalen, im Mai von ihren Pflegeeltern Röller im Einverständnis mit ihren Eltern, den Landwirtseheleuten Hasler in Hellikon, nach Ringwil „zu Bekannten“ beurlaubt worden, weil sie angeblich „erzieherische Schwierigkeiten“ bereitet habe. Und dort, in der Nähe von Zürich, in einem Chalet ist das Mädchen an den Folgen von Schlägen und Mißhandlungen mit Stöcken und Reitpeitschen gestorben. Das war offensichtlich auch den Sektierern zuviel, deren „Vater“ der deutsche Expater Josef Stocker ist, und deshalb versuchte man durch ein Täuschungsmanöver die Behörden von Ringwil abzulenken, indem man Bernadettes Leiche nach Wangen bei Olten überführte. Dennoch bekam die Polizei von der tödlichen Teufelsaustreiberei Kenntnis und ließ die Leiche im Gerichtsmedizinischen Institut der Universität Basel untersuchen. Der Verdacht bestätigte sich. Die Zürcher Polizei verhaftete zehn Personen, unter ihnen Bernadettes Eltern und Onkel sowie „Vater“ Stocker und dessen Geliebte „Mutter“ Magdalena Köhler, die Schwester von Frau Röller aus Singen.

Nach dieser Verhaftungswelle in der Schweiz haben einige Eltern ihre Kinder aus der „Arche“ herausgeholt. Auch die Mutter der 16 Jahre alten Sieglinde Thum aus Konstanz wollte ihr Kind zurückhaben. Das Mädchen wurde jedoch zunächst nicht aus dem „Schiff der Überlebenden“ entlassen, so daß Mutter Thum sich an das Amtsgericht in Konstanz wandte. Amtsgerichtsrat König veranlaßte dann auch als Vormundschaftsrichter, daß Sieglinde in ein anderes Singener Heim kam, und meinte: „Es ist mir unverständlich, weshalb die Jugendbehörden in Singen so lange zusehen konnten und das Pflegenest nicht aufgehoben haben.“

Der gleiche Vorwurf kursiert auch in der Bevölkerung von Singen und hat sogar den Landtag beschäftigt. Man versteht einfach nicht, daß die Vertreter des Jugendamtes bei ihren Besuchen in dem Sektiererhaus keinen Verdacht schöpften und daß Sechzehn- und Siebzehnjährige den Teufelsspuk der „Internationalen Familiengemeinschaft für den Frieden“ ohne Klagen mitgemacht haben. Der Prozeß gegen die „Teufel von Ringwil“ wird manches ans Tageslicht bringen.