„Deutscher Künstlerbund“ (Essen, Gruga-Hallen): 1965 war die Jahresausstellung ausgefallen, die Umstände seien widrig gewesen, erklärt der Präsident des Deutschen Künstlerbundes Karl Hartung. Auch die Essener Ausstellung wäre aus finanziellen Gründen fast gescheitert, für das Plakat fehlte das Geld. Hartung: „In dieser Zeit materiellen Wohlstandes fällt es uns besonders schwer und erscheint uns fast unmöglich, die Einschränkungen hinzunehmen, die uns auferlegt werden. Noch ein Schritt weiter und man kann das, was wir in jedem Jahr, um eine Ausstellung zu veranstalten, tun müssen, nur noch Bettelei nennen.“ Ob, wie Härtung meint, durch die finanzielle Misere die Freiheit der Kunst gefährdet sei, ob und welche Verpflichtungen Staat und Gesellschaft dem Künstlerbund gegenüber zu erfüllen haben („Eine Gesellschaft ist soviel wert, wie sie ihre Kunst und ihre Künstler wertet“), sollte ohne Zorn und detailliert geklärt werden.

Bei der Eröffnung wurde der neu gestiftete „Carl-Einstein-Preis der jungen deutschen Kunstkritik“ verliehen, der Name erinnert an den bedeutenden deutschen Kunstschriftsteller, der 1940 in Frankreich nach dem Einmarsch der Deutschen interniert wurde und sich das Leben nahm. Die Anregung kam von dem Münchener Maler und Kunstschriftsteller Jürgen Claus, zwei Verlage haben den Preis mit 3000 Mark dotiert. Die Jury, in der die Autoren vom Schloß Morsbroich dominierten, entschied sich für Horst Egon Kalinowski. Der Künstler lebt in Paris, er kombiniert in seinen plastischen Objekten Holz mit Leder, originell an seinen „Caissons“ erscheint mir eher die Verwendung neuartiger Materialien als die künstlerische Konzeption.

Man sieht in den drei Gruga-Hallen: nach Generationen und nach Stiltendenzen gruppiert, 447 Arbeiten von 260 Künstlern, zur Hälfte Mitglieder, die anderen sind Gäste (die, wenn sie dreimal gastiert haben, Mitglieder werden können). Dazu eine Sonderschau für die verstorbenen Mitglieder, unter ihnen Battke, Mataré, Meidner, Mettel, Purrmann und die Sintenis. HAP Grieshaber hat seinen eben ausgedruckten „Totentanz von Basel“ nach Essen geschickt, der gleichzeitig in Dresden gezeigt wird. Paul Wunderlichs Sextychon „Corpus delicti“ war schon in Hannover eine grelle Enttäuschung. Man findet hervorragende Arbeiten quer durch die Generationen, Trökes, Bargheer, Irmgart Wessel-Zumloh, Teuber, Ahlers-Hestermann, Bernard Schultze, Ursula. Die jungen Berliner Realisten bringen sich prächtig zur Geltung.

Man könnte eine ganze Reihe weiterer Maler und einige Bildhauer nennen, die der Ausstellung Niveau geben, aber an dem niederschmetternden Gesamteindruck auch nicht viel retten können. Von dem Elitecharakter, den die Ausstellungen des Künstlerbundes einmal hatten, sind nur noch Spuren übriggeblieben. Die eigentliche Krise des Künstlerbundes hat ganz gewiß nicht nur finanzielle Ursachen. Sie resultiert aus der gefährlichen Tendenz, „der Vielfalt und allen Richtungen ein Forum zu schaffen“, wie es Härtung euphemistisch umschreibt.

Der Künstlerbund beteiligt sich seit Jahr und Tag an dieser verhängnisvollen Jagd nach dem Aktuellen. Alles wird gezeigt, was ein bißchen neu und modisch aussieht, sei es ein fader Aufguß oder geistlose Imitation, während ein gut gemaltes Bild, sofern es nicht von einem in der Hierarchie fest etablierten Künstler kommt, keine Chance hat. über diese Fragen sollte der Künstlerbund sich klar werden, bevor er Staat und Gesellschaft für seine Arbeit zu mobilisieren versucht. Die Ausstellung in Essen dauert bis Ende Juli.

  • „Vom Geiste Till Eulenspiegels“ (Hannover, Wilhelm-Busch-Museum): Eulenspiegels Nachleben in der bildenden Kunst – über 100 Blätter sowie einige Holz-, Gips- und Porzellanfigürchen („aus den Raritäten- und Wunderkammern des berühmten Herzog-Anton-Ulrich-Museums zu Braunschweig“) variieren das narrenfreudige Thema. Man sieht altdeutsche Graphik, Burgkmairs „Triumphwagen des Narren“, die „Metze Unmut“ als kolorierten Holzschnitt von 1450 und Rembrandts Eulenspiegel-Radierung (der Titel ist umstritten), man sieht Eulenspiegels Gastspiel bei der commedia dell’arte als Pantalone, Eulenspiegel auf französisch und im politischen Kartenspiel. Ein sehenswerter Narrenspiegel, bis zum 7. August im Wallmoden-Schlößchen im Georgengarten.

Gottfried Sello