London, im Juli

Mit leeren Koffern kam Premierminister Wilson aus Moskau zurück, mit leerer Kasse trat er vor das Unterhaus. Der Traum vom aufwärtsstrebenden, modernisierten England, das in diesem oder spätestens im nächsten Jahr seine Zahlungsbilanz bereinigen und dann seine Schulden abzahlen wird, ist am Mittwoch unter einem Berg von Restriktionen begraben worden. Von nun an hat der 20. Juli auch in Englands Geschichtskalender einen Platz.

Die Krise kam nicht von ungefähr. Der Seemannsstreik hatte Englands Außenhandelsdefizit im Juni auf fast 1,2 Milliarden Mark hochschnellen lassen. Die Währungsreserven der Bank of England verminderten sich in den letzten vier Monaten um 1,5 Milliarden Mark. Labour gab sich dennoch optimistisch. Noch vor einer Woche glaubte Finanzminister Callaghan, die Krise durch eine Diskonterhöhung auf sieben Prozent und eine Zwangsreserve für die Bank of England in den Griff zu bekommen.

Premierminister Wilson hatte schon vor seiner Moskau-Reise Sparmaßnahmen angekündigt. Aber man schenkte ihm keinen Glauben. Das Pfund geriet an den ausländischen Börsen immer stärker unter Druck.

Einzelne Maßnahmen werden England nicht aus der Misere führen. Die immer wieder plakatierte Entschlossenheit, das Pfund stabil zu halten, wird allein die Währung nicht länger stützen. An drei Maßnahmen aber, die die Finanzwelt für notwendig hält, will Wilson nicht heran: an eine Abwertung des Pfundes, an die Entlassung von Arbeitskräften, an den Verzicht auf die Verstaatlichung der Stahlindustrie.

Die Mißstände, die der Krise zugrundeliegen, und das gibt auch jeder zu, sind mangelhafte Industrieproduktion und geringer Export (zu gering für die hohen Ansprüche des Lebensstandards). Das ganze System gewerkschaftlicher Defensivrechte auf dem Arbeitsmarkt muß also fallen, sonst wird die Produktion nicht steigen. Aber auch das Amateur-Management zahlloser Betriebe muß aufhören, sonst wird sich nie herumsprechen, was Konkurrenz heute bedeutet. Die reizende Trödelei, die oftmals hochbegabte Improvisation und die charmante Müdigkeit eines alternden Imperiums mögen wertvolle Beobachtungsobjekte für den Kulturhistoriker sein, auf den Weltmärkten machen sie keinen Eindruck.

Der Klassenkampf aber, so sportlich und „fair“ er auch immer in diesem Lande ausgetragen werden mag, kann nicht durch Ankündigungen im Unterhaus beendet werden. Ja, es ist zweifelhaft, ob Einsparungen an den Truppeneinheiten in der Lüneburger Heide und in Nordborneo – so nötig sie sind – eine Wirkung auf die tiefer liegenden Ursachen der permanenten Krise haben. Die Arbeitslosigkeit, die im Herbst und Winter zu kommen droht, wird wiederum die Gewerkschaften in ihrer Trotzhaltung bestärken, – nun auch gegen Labour. Und was hilft es Wilson, wenn er das Pfund mit ungebrochener Energie hoch hält, während alles übrige bröckelt und zusammenbricht. Eine stabile Währung allein ist keinerlei Garantie für einen Wirtschaftsaufschwung.