Der Schock, den die Börsenspekulation am 1. Juli erlitt, als die Aktienkurse innerhalb kurzer Zeit um 20 bis 30 Punkte nach oben sprangen, ist noch immer wirksam. Niemand wagt mehr ernsthaft à la baisse zu spekulieren. Auf der anderen Seite fließt seither ein zwar nicht reißender, aber doch stetiger Strom von Kaufaufträgen des Publikums zur Börse. Es ist der Meinung, mit zeitlich gestrecktem Erwerb von Wertpapieren eine günstige Ausgangsbasis für den Zeitpunkt zu gewinnen, an dem die Tendenz zur Hausse-Seite hin umschlägt. Diese Käufer sind der Ansicht, daß die jetzt erreichten Kurse beträchtliche Chancen in sich bergen. Sie werden sich allerdings erst dann realisieren, wenn die Bundesbank ihren Restriktionskurs zu lockern beginnt.

Da nach Ansicht der Börsianer allein die Bundesbank den Schlüssel für die Börsentendenz in der Hand hält, verfolgt man ihre Taten und die Äußerungen ihrer Präsidenten und Direktoren mit gespannter Aufmerksamkeit. Man horchte auf, als Pläne bekannt wurden, unter Umständen den sogenannten B-Plafonds der Ausfuhrkreditanstalt aufzustocken, um die Exportfinanzierung zu erleichtern. Zweifellos tut die Bundesbank zum ersten Male seit langer Zeit damit etwas für die Wirtschaft, während sie bislang ihr aus konjunkturellen Gründen ausschließlich Daumenschrauben angelegt hat.

Aber wahrscheinlich ist es unvorsichtig, an diesen Schritt weitergehende Hoffnungen zu knüpfen. Die Optimisten, die am vergangenen Wochenende „eingestiegen“ waren, weil sie nun die Börsenwende nahen sahen, stießen am Wochenbeginn ihre Bestände – teilweise mit Verlust – wieder ab. Dies fiel ihnen um so leichter, als sie nach der Ankündigung des Londoner Sparprogramms und den Ereignissen in Vietnam neue dunkle Wolken am Börsenhorizont auftauchen sahen. Die Regierungsbildung in Nordrhein-Westfalen spielte als kursbeeinflussender Faktor indessen keine Rolle. Zyniker „wünschen“ sich sogar eine SPD-Regierung, weil diese bei einer (gegenwärtig nicht beabsichtigten) Verstaatlichung der Eisen- und Stahlindustrie sowie der Bergwerke Abfindungen zahlen müßte, die weit über den heutigen Börsenkursen liegen würden.

Die Montan-Papiere haben in den letzten Wochen ihre stetige Abwärtsbewegung fortgesetzt. Die Anleger von heute klammern diese Papiere völlig aus. Eine Industrie, die sich in die roten Zahlen hineinarbeitet, übt keinerlei Anziehungskraft aus. Auch aus den ölwerten ist die Phantasie heraus. Der Mineralölmarkt bleibt hart umkämpft, und das Nordsee-Gas ist vor der deutschen Küste noch nicht entdeckt. Maschinenbau-Aktien führen ebenfalls ein Dasein am Rande. Die Anlageexperten meinen, daß diese Branche die rückläufige Investitionsneigung in den Auftragsbüchern zu spüren bekommt und sich deshalb im Wachstum schwertun wird.

Als „interessant“ gilt nur ein kleiner Kreis von Papieren. Da sind vor allem die drei Werte der Großchemie. Nach einer Schätzung kehrten in den ersten sechs Monaten dieses Jahres für rund 27 Millionen (Nennwert) Bayer-Aktien von den USA in die deutschen Portefeuilles zurück. Sie kamen nur zum geringen Teil an die Börse und wurden sofort bei langfristig disponierenden Anlegern placiert. Das muß berücksichtigt werden, wenn die Bayer-Abwärtsbewegung ins rechte Licht gerückt werden soll. Geht das Tempo der US-Verkäufe so weiter, müßten sie im Spätherbst in etwa abgeschlossen sein.

Als stabil erwiesen sich in den letzten Tagen die Siemens-Aktien, die von dem im Grunde positiven Halbjahresbericht profitierten. Die Großbanken führen die Kurse ihrer Aktien an einer kurzen Kette und lassen sie lediglich der jeweiligen Tagestendenz folgen. Es ist aber anzunehmen, daß ein nicht kleiner Teil der für den Aktienerwerb freigesetzten Mittel in die Bankaktien geht. Dafür werden die Institute schon aus eigenem Interesse sorgen. K. W.