Lehrlinge in Europa, CIRF Veröffentlichungen des Internationalen Arbeitsamtes, Genf 1966, 280 Seiten, 4 Dollar

Wie werden heute in Europa die Lehrlinge auf ihr Berufsleben vorbereitet, wie sehen die gesetzlichen Grundlagen aus, wer trägt die Kosten? Diese Fragen sollte eine Untersuchung, des Internationalen Arbeitsamtes in Genf beantworten, deren Ergebnisse jetzt vorgelegt wurden. Acht Länder wurden in die Untersuchung einbezogen: Österreich, die Tschechoslowakei, die Bundesrepublik, Dänemark, Frankreich, die Niederlande, Schweiz und England. Es sollte vor allem festgestellt werden, welchen Einfluß der technische Wandel auf das Ausbildungs- und Prüfungswesen gehabt hat.

Diese Aufgabe wurde nur zum Teil erfüllt. Der Bericht bleibt zu sehr in allgemeinen Feststellungen stecken und zeichnet nur ein ungenaues Bild der Situation in den einzelnen Ländern. Trotzdem, auch die so entstandene. „Durchschnittsbetrachtung“ zeigt deutlich, daß es noch allzuviele alte Zöpfe gibt, die abgeschnitten werden müssen, wenn die Jugendlichen wirklich auf das Berufsleben der Zukunft vorbereitet werden sollen.

Ein besonders zähes Leben führen in allen Ländern die veralteten Prüfungsbestimmungen. Eine Revision erfolgt im allgemeinen nur alle zehn bis zwanzig Jahre. Das reicht in keiner Weise, um die Anforderungen an das Tempo der technischen Entwicklung anzupassen.

Nachdenklich sollte es auch stimmen, daß in der Untersuchung die Vermutung ausgesprochen wird, daß viele Lehrlinge für ihren Beruf überbegabt sind. Sie haben ihre Lehre nur deswegen begonnen, weil die sozialen Bedingungen es ihnen nicht gestattet haben, ihre Schulausbildung fortzusetzen. Das bedeutet einmal eine gefährliche Vergeudung von Begabung und unterstützt zum anderen die Feststellung der Verfasser, daß die westeuropäischen Länder in der Demokratisierung des Schulwesens noch weit hinter den USA, den skandinavischen Ländern und dem Ostblock zurückliegen.

Die Studie kommt zu dem Schluß, daß noch viel Traditionsballast abgeworfen werden muß. In der Bundesrepublik ist es beispielsweise dringend notwendig, daß die standardisierte Dauer der Lehrzeit von drei bis dreieinhalb Jahren den beruflichen Erfordernissen angepaßt wird. Für Kraftfahrzeugmechaniker und Elektriker, besonders im Bereich der Elektronik, sollte sie verlängert werden. Verkäufer, Bäcker und Maurer kämen sicherlich mit einer geringeren Lehrzeit aus. Vor allem ist es notwendig, daß der Stufenausbildung, wie sie heute schon bei Krupp angewendet wird, mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird. Nur so lassen sich die Lehrlinge entsprechend ihrer individuellen Begabung fördern. Auch für Erwachsene bekommt diese Art der Ausbildung eine immer größere Bedeutung, da die Umschichtung der Berufe immer mehr Menschen dazu zwingen wird, sich durch Umschulungen zu qualifizieren. M. Jungblut

Das Fachwort – 150 Begriffe aus den Bereichen der Wirtschaft; Becker & Wrietzner Verlag, Düsseldorf 1966, 248 Seiten, 4,80 DM