Von Paul Moor

Vor sechsundvierzig Jahren, fünf Jahre vor seinem Tod, schrieb Frankreichs bedeutendster musikalischer Sonderling Eric Satie mit genau 133 Noten ein kleines dreistimmiges Klavierstück, nannte es „Vexations“ (Ärger, Schikane, Quälerei) und bestand darauf, daß es très lent, sehr langsam gespielt werde.

Der Welt blieb das Meisterwerk lange verborgen. Vor einigen Jahren jedoch stieß der Hohepriester der amerikanischen Musikavantgarde, John Cage, auf das Manuskript und war hingerissen von Saties eigenwilliger Anweisung, daß der Interpret das Achtzig-Sekunden-Stück achthundertvierzigmal, ohne Pause, spielen solle.

Cage veranstaltete vor drei Jahren die Welt-Uraufführung: Er und neun andere Pianisten w.dmeten sich in Zwanzig-Minuten-Schichten an die achtzehn Stunden und vierzig Minuten langder Stegreif-Komödie Saties.

Eine zweite vollständige Aufführung hat jetzt in Berlin stattgefunden. Eine Bemerkung im Programmheft, die die Entdeckungder „Vexations“ durch Cage mit der Wiederaufführung der Matthäus-Passion durch Mendelssohn vergleicht, muß man wohl so ernst nehmen wie Saties Klausel von den 840 Wiederholungen.

Ein farbenfrohes und munteres Völkchen – etwa 75 Leute – hatte sich da zu mitternächtlicher Stunde im Forum-Theater am Kurfürstendamm versammelt, eine Anzahl von ihnen kam wohl gerade aus einer Samstagabend-Spätvorstellung. Lissa Bauer begann den Berliner Sechs-Pimisten-Marathon gegen 0.30 Uhr.

Zunächst angespannte Stille. Nach der zehnten Wiederholung erste laute Kommentare. Eine halbe Stunde nach Beginn wandert eine Reihe ab, nur die wahren Musikfreunde verharren, in sich versunken, wie in Hypnose. Ein junger Mann ist auf seiner Camping-Liege bereits eingeschlafen.