Von Helmut Lindemann

Helga Grebing: Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Ein Überblick. Nymphenburger Verlagshandlung, München. 336 Seiten, 19,80 DM (Studienausgabe 15,80)

Im November 1918 stellte es sich deutlich heraus, daß die sozialdemokratischen Führer keine in die Zukunft weisende, die revolutionäre Situation ausnutzende, demokratisch-sozialistische Konzeption für die Neuordnung von Staat und Gesellschaft hatten, die schaffen zu wollen der große Ausspruch der Sozialisten gegenüber dem alten Staat seit Jahrzehnten gewesen war... Besonders verhängnisvoll für das weitere Schicksal der Republik und das Verhältnis der Arbeiterschaft zu ihr war, daß die SPD-Führung 1918/19 sich um die Anerkennung ihrer Politik in den eigenen Reihen mit der ehrlich gemeinten Parole bemühte, sie führe ihren Kampf „für Deutschlands Rettung vor dem Bolschewismus“.

Diese Sätze stehen nicht nur beinahe genau in der Mitte von Helga Grebings neuestem Buch, sondern sie treffen in das Zentrum dessen, was man sehr wohl die unbewältigte Vergangenheit der deutschen Linken nennen könnte: die tragische Verstrickung der Arbeiterbewegung in das Scheitern der ersten deutschen Republik. Hier ist das häufig falsch gebrauchte Beiwort „tragisch“ einmal wirklich am Platze; denn Schuld und Schicksal verwirren sich auf schier unauflösliche Weise, und es ist nicht das geringste Verdienst von Frau Grebings solide gearbeitetem Buch, daß es sichtbar macht, wie weit das, was man jedenfalls unter heutiger Sicht die Fehlentwicklung der deutschen Arbeiterbewegung nennen muß, in die preußisch-deutsche Vergangenheit zurückreicht. (Helga Grebing, die sich als Historikerin bereits früher mit einer ausgezeichneten Studie über den Nationalsozialismus einen Namen gemacht hat, hat sich die politische Bildung als Lebensaufgabe gestellt; sie hat mit ihrem neuen Werk überzeugend bewiesen, daß sie den richtigen Beruf gewählt hat.)

Solange wir Deutsche unsere Aufgabe in der Welt von heute und morgen nicht gefunden haben – eine Aufgabe, die gewiß nicht in der Wiederholung eines nationalen Machtstaates liegt –, werden wir nicht aufhören, über das nachzudenken, was Ernst Niekisch im Katastrophenjahr 1945 so treffend „deutsche Daseinsverfehlung“ genannt hat. Sie läßt sich an vielen Personen und Gruppen im Laufe der letzten hundert Jahre nachweisen: an Wilhelm II., an Reichskanzler von Bülow, an der Militärkaste oder den vom Gründerrausch benebelten Wirtschaftsführern, am Großbürgertum und an nicht wenigen Universitätsprofessoren – aber eben auch an der deutschen Arbeiterbewegung und ihren Führern, von denen August Bebel, zweifellos eine der großen deutschen Gestalten um die Jahrhundertwende, auf dem sozialdemokratischen Parteitag in Magdeburg 1910 den heute immer noch schwer verständlichen Satz gesprochen hat: „Es gibt keinen zweiten, dem preußischen ähnlichen Staat, aber wenn wir einmal diesen Staat in der Gewalt haben, haben wir alles... im Süden versteht man nicht diesen Junkerstaat in seiner ganzen Schönheit.“

Nicht die Bewunderung für Preußen macht diesen Satz so unverständlich – in der Tat ging von Preußen selbst in seiner wilhelminisch-entarteten Epoche noch eine bezwingende Faszination aus –, sondern unverständlich ist für den späteren Betrachter, daß ebendiese Sozialdemokratie, als sie nur acht Jahre später Preußen und Deutschland in ihrer Gewalt hatte, mit ihrem Erfolg nichts anzufangen wußte, nicht darauf vorbereitet zu sein schien und sich die einzigartige Möglichkeit entgleiten ließ, Deutschland bis in seine Fundamente hinein in eine demokratische Republik zu verwandeln. Das nicht getan zu haben, erweist sich sub specie historiae als Schuld, und die mangelnde Bereitschaft oder Fähigkeit der meisten heutigen Sozialdemokraten, sich diese Schuld einzugestehen, hindert mehr als alles andere die Partei daran, in der zweiten deutschen Republik diejenige Rolle zu spielen, zu der sie aus vielen Gründen berufen ist. Dabei gibt es Sozialdemokraten, die das sehr wohl wissen. So schrieb Rudolf Hilferding acht Monate nach Hitlers Machtergreifung an Karl Kautsky: „Unsere Politik in Deutschland war seit 1923 sicher im ganzen und großen durch die Situation erzwungen und konnte nicht viel anders sein ... Aber in der Zeit vor 1914 und von 1918 bis zum Kapp-Putsch war die Politik plastisch, und in dieser Zeit sind die schlimmsten Fehler gemacht worden.“

Im Anschluß an die erwähnte Äußerung Bebels über Preußen schreibt Helga Grebing: „Ganz deutlich wird hier der rote Faden sichtbar, der von ‚Kaiser Bebel‘ (wie Bebel auf internationalen Kongressen apostrophiert wurde) zu ‚König Ebert’, dem ersten Präsidenten der ersten deutschen Republik, und zu dem ‚roten Zaren von Preußen‘, dem preußischen Ministerpräsidenten von 1920-1932, Otto Braun, führt.“ Man könnte die Linie, die 1932 unterbrochen wurde, nach 1945 weiterführen zu Kurt Schumacher und vielleicht sogar noch bis zu Herbert Wehner. Auf jeden Fall besitzt die SPD – als einzige der heutigen deutschen Parteien – eine mehrere Generationen umspannende Tradition im Guten wie im Bösen. Vom Guten ist zumal bei der Jahrhundertfeier 1963 viel gesprochen worden; vielleicht wäre es heilsam gewesen, damals oder überhaupt auch etwas mehr vom Bösen, von den Versäumnissen der Vergangenheit zu sprechen.