Von Ingrid Neumann

Noch immer prangen die CDU-Wahlplakate mit dem jovial optimistischen Konterfei und dem zwar einprägsamen, aber eben doch nicht erfolgreichen Slogan „Meyers macht es“ in den Straßen der nordrhein-westfälischen Hauptstadt, in deren Mauern jetzt zäh und verbissen um eine Regierung gerungen wird. Schon während des Wahlkampfes paßte die unbeschwert biedere Pose des bisherigen Landesvaters nicht zu der trüben Kulisse des Industriereviers; jetzt wirkt sie geradezu herausfordernd banal. Denn wie auch immer die neue Landesregierung in Nordrhein-Westfalen aussehen wird, sie übernimmt ein schweres Amt, das nicht allein mit siegessicherem Pathos zu führen ist.

Deutlicher als in anderen Bereichen ist es in den schwerindustriellen Zentren an Rhein und Ruhr offenbar geworden, daß die Zeiten der ungetrübten Prosperität dahin sind und daß die Menschen in diesem Lande ernste Sorgen haben, für die sie Verständnis und Beistand verlangen dürfen. Der eindeutige Durchbruch der SPD in einem Lande mit starkem katholischem Aufgebot, mit einer bisher für unbeirrbar geltenden CDU-Wählerschaft also, hat deutlich gezeigt, was die Glocke an der Ruhr geschlagen hat.

Von „Steinkohlenwahlen“ war in der holländischen Presse die Rede, als bekannt wurde, wie die nordrhein-westfälischen Wähler sich am vorletzten Sonntag entschieden haben. Das ist zwar grob vereinfacht, aber durchaus nicht ganz abwegig. Wobei daraus nicht etwa der Schluß gezogen werden darf, die bisherige Regierungskoalition habe kein Herz für die heimische Kohle gehabt. Im Gegenteil war Meyers immer dabei, wenn es galt, mit kostspieligen Methoden für eine kurze Weile „Ruhe“ im Revier zu schaffen. Eine trügerische Ruhe, wie sich seit Monaten gezeigt hat. Eine über den Tag hinausreichende Entscheidung, die allein darauf gerichtet sein kann, die Ursachen der Kohlenkrise, nämlich das Überangebot des Ruhrbergbaus, planvoll zu beseitigen, gehörte in Düsseldorf indessen genauso zu den Tabus wie in Essen, dem Domizil des Unternehmerverbandes Ruhrbergbau selbst.

Tatsächlich dürfte diese Wahl jedoch nicht nur im krisenbedrohten Arbeitnehmerlager entschieden worden sein. Deutlich macht sich seit Monaten schon der Unmut der Montanwirtschaft gegenüber der unmobilen Wirtschaftspolitik der Bundesregierung Luft. „Man kann in der Wirtschaft nicht nach Doktrinen leben“, so klagte kürzlich der Rheinstahl-Chef Werner Söhngen in der Hauptversammlung des Essener Konzerns. „Man muß endlich in der Öffentlichkeit klar sagen was ist und zugeben, daß sich etwas geändert hat... Wenn uns liberale Grundsätze von 1948 an viele Jahre lang zu einem Aufschwung verhelfen haben, so folgt daraus nicht, daß das immer so sein muß ... Habe man doch den Mut, Doktrinen über Bord zu werfen und das zu tun, was die praktische Vernunft rät und was den Notwendigkeiten entspricht...“

Mehr Sinn für die Realitäten empfahl der Rheinstahl-Chef dringend den Verantwortlichen für unsere Wirtschaftspolitik.

Die Realitäten – das sind im Lande zwischen Rhein und Ruhr ein schrumpfender Bergbau und eine hart um ihre Existenz ringende Stahlindustrie, die die Wirtschaftskraft des ehemals so viel beneideten, reichen Landes geschwächt, wenn nicht sogar seinen Lebensnerv bereits empfindlich getroffen haben. Diese Entwicklung muß in Bahnen gelenkt werden, die wirtschaftlich vernünftig sind und die den Lebensinteressen der Menschen in diesem Lande gerecht werden.