Entwurf, Zusammenstellung und Aufbau der Ausstellung: Hans-Friedrich Geist. So heißt ein Vermerk im Katalog zur 408. Ausstellung der Overbeck-Gesellschaft in Lübeck. Muß denn eine Ausstellung „entworfen, zusammengestellt und aufgebaut“ werden? Schafft man die Bilder nicht irgendwie, per Bahn, Schiff oder Auto, herbei und „baumelt“ sie einfach an die Wand? Wozu großspurige Worte?

Es gibt Ausstellungen, zu denen kein Einfall, keine geistige Initiative gehört, nur Aufmerksamkeit und organisatorisches Geschick. Damit käme man schon ganz gut zurecht, wenn man zum Beispiel eine Ausstellung zum 80. Geburtstag von Kokoschka machte. Viele gute Bilder, dazu Chronologie als Ordnungsprinzip – und die Sache kann nicht schiefgehen.

Da hat sich Hans-Friedrich Geist, der Leiter der Overbeck-Gesellschaft, bei seiner Ausstellung „Kontraste“ mehr einfallen lassen. Er, ein kenntnisreicher Mann, hat sich in der heutigen Malerei nach verschiedenen Möglichkeiten umgeschaut, wie man Kunst zustande bringt – Kunst als sichtbaren Ausdruck unserer Zeit. Er hat dabei äußerst kontrastreiche Stile gefunden. Er stellt 34 Zeichnungen zu Dantes „Inferno“ von Robert Rauschenberg (geboren 1925 in Texas) aus, 22 Bilder von Josef Albers (geboren 1888 in Westfalen), der zum Bauhaus gehörte und dessen auffälligste Bilder hier „Huldigung an das Quadrat“ heißen, 14 Bilder des (1921 in Amsterdam geborenen, zur „COBRA“-Gruppe gehörenden) Holländers Karel Appel, der die Gegenständlichkeit in charaktervollen Eruptionen über den Haufen wirft, und 27 Bilder von Max Ernst (geboren 1891 in Brühl).

Ver Maler, vier Welten. Die Ausstellung hat nicht nur eine Konzeption, sie ist auch im einzelnen genau durchkomponiert, und sie hat, im Gegensatz zu vielen Monstre-Ausstellungen, ein sinnvolles Maß. Der Beschauer wird nicht von der Masse überwältigt, sondern zum Schauen, Vergleichen und Wägen ganz natürlich angeregt. Hans-Friedrich Geist verbindet, über den internen Bezirk der Kunst hinaus, mit der Ausstellung noch besondere Absichten. Er will dazu beitragen, „aus der Lethargie und Stagnation der Wohlfahrtsgesellschaft auszusteigen“. Und er möchte den Betrachter, der die verschiedenen Stile zur Kenntnis nimmt, zu der Entscheidung anregen: Bin ich für ein „Entweder-Oder“ oder für ein „Sowohl-als-auch“?

Mai braucht auf diese Erwartungen Geists nicht einzugehen. Aber seine kluge Disposition erleichtert dem Betrachter Entscheidungen auch solcher Art. Er hat die Bilder nicht einfach an die Wand „gebaumelt“, sondern die Ausstellung, ohne normative Engbrüstigkeit, genau durchdacht Das ist eine beispielhafte Arbeit. Sie ist zahllosen Ausstellungen, anscheinend auch der jetzigen des Künstlerbundes (siehe Gottfried Sello im „Kunstkalender“, Seite 19), mit Entschiedenheit vorzuziehen.

Die „408.“ ist das Werk eines Mannes, der in seinem Leben auch als Kunstpädagoge unzählige Brücken zwischen Künstlern und Kunstfreunden geschlagen hat. Weiß das Lübeck? Lübeck, eine schöne Stadt, hat ja doch das Mißgeschick, daß seine Anerkennungen zuweilen hinter den Verdiensten seiner Bürger weit hinterherhinken ... René Drommert